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"Wenn wir einmal Engel sind"

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Textauszug

„Wenn wir einmal Engel sind“
Fantasie für 4 Scanner und 1 Objekt

Bühnenstück von Peter Wagner

AUFZEICHNUNG AUF VIMEO (70 min)

 

(Die Scannerstrahlen beginnen abermals langsam zu kreisen.)

Da ist sie schon wieder, die Sau. 265 km/h maximale Geschwindigkeit, 4115 Meter Schwebeflughöhe im Bodeneffekt, 2990 ohne Bodeneffekt. Einsatzdauer 3 Stunden. Reichweite 407 Kilometer. (Er atmet schwer.) Elias. Die Därm. Hängen bestimmt schon runter bis zum Boden. (Spuckt angewidert aus.) Pfui Teufel. Daßd da die ganze Scheiße in die Händ haltst, wennsd deine Därm in die Händ haltst. Dem Langen hängt die Scheiße aus dem Bauch. Die Drecksau hat sich nicht zurückhalten können! In der ganzen Schul erzähln sies, die Babsi, die Flora, die Hedi. Verziehts nur das Gesicht! Ist mir doch wurscht! Dem Langen ist immer alles wurscht. Deshalb redt er nix mit euch, habts ihrs noch immer nicht kapiert! Drehts euch nur weg! Ausrutschen sollts auf die glitschigen Därm! So lang bis die Därm aufgsprungen sind! Überall nur noch die Scheiße herumpickt! Die Scheiße vom Langen! Solln von oben bis unten mit meiner Scheiße angschmiert sein, daß sich ihre Haberer anspeiben, wenns mit ihnen schmusen wollen. Haben nix besseres verdient, die geilen Nutten! Krepieren sollts in meine Därm, Nutten! Der Lange ist halt kein Typ zum Schmusen. Der Lange gibt sich nicht ab mit sowas. Der laßt lieber gleich die Sau raus. Das habts mir nicht zutraut? Das habts jetzt davon!

(Völlige Finsternis.)

Elias? Fürchten, ich? Fürchten vor was? Wenns finster ist, ist nix so schlimm, wie wennst was siehst. Von mir aus braucht es überhaupt kein Licht geben. Von mir aus könnt ich ganz im Finstern leben. Singt laut. „frag mich besser nicht, sonst muß ich lügen, ja ich habe sie entweiht, und es war mir ein vergnügen.“ (Die Frau im Hintergrund blättert geräuschvoll um. Das Geräusch wiederholt sich in einem langen Delay.)

(Alle vorhandenen Lichtquellen strahlen ein breitgestreutes, sattes Cyan aus, das die Konturen des Objektes leicht zum Verschwimmen bringt. Der Raum erscheint auf diese Weise wie ein Aquarium.)

(Der Körper des Objektes zieht sich reflexartig zusammen.) Die Händ. Abstorben. Super. Die kann ich weghaun. (Das Objekt unternimmt eine große Anstrengung, die Arme in der Zwangsjacke zu bewegen. Läßt ab davon. Atmet schwer.) Die gschissene Jacken, die ihm der Vatter und die Mama zu Weihnachten kauft haben. Wie der jetzt dasitzen muß auf dem Sessel und sich nicht bewegen kann. Und sich selber festhalten muß. Damit er sich selbst nicht davonlaufen kann. (Das Objekt vollzieht langsame, rhythmische Kreisungen mit dem Oberkörper. Summt ganz fein dazu.) Halt dich nur fest, Bankerter. Bist dein eigener Papa. Bist deine eigene Mama. (Singt ausbrechend laut, stampft mit dem ganzen Körper dazu.) „ich liess ihre lippen bluten, ich nahm ihr den verstand, ich hörte dich zwar rufen, doch der teufel gab mir seine hand.“ (Lautstarkes Umblättern der Frau im Hintergrund, fast klingt es wie das Zufallen einer in einem großen leeren Raum. Das Objekt hält still.) Das Zimmer mit die weißen Kacheln! Elias, grad hab ichs vor die Augen. Ein großes Zimmer. Die Kacheln so kalt, daß die Tränen runterrinnen. Dreckige Spuren. Du kriegst keine Luft. Die ganze Luft weggnommen. Vom Alleinsein. Liegst auf dem Rücken. Willst die Arm und die Beine bewegen. Willst strampeln. Geht nix. Als wärst immer schon so daglegn, ganz allein. Ein Käfer am Rücken, der sich nicht bewegen kann. Summt zart. Käfer, Käfer, kleiner Wurm, kleiner Wurm, kleiner Wurm ... (Hält inne. Blickt auf.) Wo bist denn da überhaupt? Liegst ja gar nicht. Sitzt. (Sieht sich um.) Das täuscht. Vielleicht. Vielleicht liegst doch auf dem Rücken und kannst dich nicht bewegen. (Das Objekt schließt die Augen und kreist mit dem Oberkörper. Summt.) Liegst da und möchst, daß jemand kommt. (Singt wie vorher.) „wir hams getan, wie man es tut, im stehen und im liegen, und wenn wir einmal engel sind, dann fick ich dich im fliegen.“ Daß jemand eine Tür aufmacht. Daßd nicht so allein in dem Bett liegst. Ist dir ja eh wurscht. Schreist halt nur so die ganze Zeit. Weils lustig ist, das Schrein. Daß die Zeit vergeht. Bist schon ganz heiser vom Schrein. Brüllst, als tätens dich abstechen. Brüllen ist lustig. Därm raushängen lassen. Ist auch lustig. Ist dir ja wurscht, das Alleinseins. Sticht halt ab und zu, das Viech. Na und? (Das Objekt hält inne. Sperrt die Augen weit auf.) Das Licht, das sticht so. Ein Wahnsinn das Licht. Die weiße Kachelwand. Sechs Monat warst alt, hat die Oma gsagt. Wiest im Spital glegen bin. Wegen dem Stoffwechsel. Hast nicht Scheißen können, was? Das wird sich jetzt ändern. Wo dir die Därm raushängen. (Das Objekt zerrt an der Zwangsjacke. Schnauft.) Daß ich mich jetzt dran erinner. Die weißen Kacheln. Blödsinn, was? Wer sollte sich denn schon dran erinnern, was mit einem war, wie er sechs Monate alt war. Der Mensch ist ja keine Festplatten, auf der alles gspeichert ist. Laß es bleiben, brauchst nicht hinklicken, wills eh nicht wissen. (Brüllt.) Ich zerdrisch dir die Maus, hab ich nicht gsagt, ich wills nicht wissen! (Atmet schwer. Hält den Atem an. Lauscht. Springt plötzlich auf.) Fisch du hältst den Atem an. Wo hab ich das glesen, verdammt! Warum tust das, wennst eh schon keine Luft kriegst! Fische brauchen keine Luft. Die holen sich die Luft aus dem Wasser. Genau. Ich hol mir die Luft aus dem Wasser, Elias. Der Lange braucht keine Luft. Der lebt auch so. (Setzt sich.) Nur weiße Kacheln. Elias, dreh das Licht ab, ich erstick in dem Licht! Elias! (Atmet schwer.) Wie ein Viech, das auf dir sitzt und dir die Krallen in die Brust und in die Gurgel und ins Hirn drückt. Aber nicht wegen der Luft. Wegen dem Licht! Und die Kacheln. Und niemand da. Nur der kleine Wurm, der liegt in seinem Gitterbett. Dort habens ihn liegen lassen. (Singt.) „du warst die süsseste versuchung, mein fleisch war schwach, ich war einsam und du schneller, also ham wir es gemacht.“

(Implosion des Lichts. Völlige Finsternis.)

(Ein winzig kleiner, kaum wahrnehmbarer Strich, von Scanner 1 geschickt, rotiert langsam auf dem Kopf des Objektes, sodaß Stirn und Nase von Zeit zu Zeit kurz beleuchtet werden.)

 

 

 

 

 

Inszenierung „Wenn wir einmal Engel sind“
Buchausgabe „Wenn wir einmal Engel sind“
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Einführung für AHS und HS von Jutta Kleedorfer
 
 
 
 
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