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Standbild aus dem Film
"Seelen suchen /Soul seekeing"
von Herbert Michael Kopitar
nach Idee und Konzept von PW

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Oberwart hinter den Gardinen

 

 

Montag Abend. Oberwart ist zurückgekehrt zur Fassade, hinter der sich sein heimliches Wesen verbirgt, das der Geisterstadt. Hinter ihren Fenstern kauern sie als Phantome ihrer selbst: Kleinbürger, die selbst noch ihre Verschrecktheit mit jener Überheblichkeit zur Schau tragen, die sie tatsächlich erhaben machen soll. Erhaben über alles, auch über sich selbst. Und der präziseste Ausdruck der Erhabenheit besteht darin, sich zu verstecken.

Sie haben sich eingesperrt, wie sie es seit Jahrzehnten tun, nachdem die Läden der alltäglichen Geschäftigkeit zugesperrt sind. Sie versinken in exzessiver Privatheit, geschützt vor den Blicken der anderen, versteckt begierlich in ihren eigenen Blicken auf das andere, unerkannt, anonym. Die geschlossene Gardine vor den Fenstern ist der Schutzwall des Kleinbürgers. Und seine Gefängnismauer. In Oberwart kennt jeder jeder. Aber keiner weiß etwas vom anderen.

Als  noch Sonntag Abend einige Dutzend aus der Umgebung Angereiste(!) die Stadtväter mit Nachdruck auffordern, wenigstens die Schwarze Fahne auf dem Rathausbalkon aufzuziehen, muß der dafür zuständige Gemeindebedienstete erst aus dem Bett geholt werden. Einen ganzen Tag lang sind sie nicht von selbst auf Idee gekommen, ein Zeichen der Trauer zu setzen, paralysiert wie sie waren. Denn es war nicht nur eine Bombe am Stadtrand explodiert, sondern auch eine mitten in ihre provinzielle, selbstgefällige Beschaulichkeit hinein.

Wie sollte man auch vorbereitet sein auf etwas, das inmitten der eigenen Lebenslüge keinen Platz hat? Man hatte doch Jahrzehntelang ganz passabel mit den Lügen gelebt! "Es hat nie Probleme zwischen den Oberwartern und den Roma gegeben", sagt ein Gemeinderat bei einer spontan entstandenen Versammelung der Angereisten(!) in jener Nacht, "wir lassen uns nicht auseinanderdividieren."

Wie gut kennt man diese Sätze! Vielleicht zu gut, als dass man ihre Abgründigkeit überhaupt noch erfasste. Immerhin beginnt das Problem schon dort, wo sich die Oberwarter Oberwarter nennen und die Roma "Roma" - neuerdings: denn tatsächlich wissen die Oberwarter von den Roma nur, daß sie Zigeuner sind. Zigeuner sind keine Oberwarter. Sie leben nicht einmal wirklich in Oberwart. Für den unbelastet Durchreisenden endet Oberwart bei der Ortstafel. Und die steht vor der Roma-Siedlung. Wie sollte man also etwas auseinanderdividieren, das nicht zusammengehört und nie zusammengehört hat?

"Hitler hat einen Fehler gemacht", sagte Ende der Sechziger Jahre die Kassierin des Städtischen Freibades dem damals elfjährigen Verfasser dieser Zeilen, "er hat nicht dafür gesorgt, daß sie alle vergast wurden. Jetzt haben wir das Gesindel noch immer."

Dort an der Kasse des Städtischen Freibades, an der sich die Fratze der aggressiven Ignoranz über eine damals noch unschuldige kindliche Seele stülpte, dort hat dann später der heranwachsende junge Mann Oberwart als Synonym gesellschaftlicher Realität angesiedelt. Und ihm damit vielleicht unrecht getan.

Denn tatsächlich hat die Haltung der Oberwarter zu den einstmals "Neubürger" Genannten weniger in Aggression bestanden, als vielmehr im Verdrängen. Wie alles Unangenehme wurde auch das heimliche Schuldgefühl jenen Mitbürgern gegenüber, die der industrielle Vernichtung anheim gefallen waren, in den Untergrund des Nicht-Gewusst-Habens, des Vergessens abgeschoben. Mit dem Schuldgefühl aber wurde gleich der ganze Mensch Rom verdrängt: ins Ghetto außerhalb der Stadt, gleich neben die stinkende und rauchende Mülldeponie; die Kinder in die Sonder-Schule; die Arbeit suchenden jungen Roma in die Hoffnungslosigkeit und zum Teil ins Kriminal.

Doch seltsam, das Verdrängte kehrt doch immer wieder zurück, weil es die erfolgreiche Verdrängung am Ende nicht gibt. Denn immer wieder pflegt es in den mannigfachsten Erscheinungsformen zurückzukommen: manchmal in absurder. Manchmal auch in tödlicher.

Der Roma-Mensch ist das Verdrängte. Er kehrt immer wieder zurück. Er ist das schlechte Gewissen. In Oberwart sind am letzten Wochenende Tote zurückgekehrt.

Auch das muss am Sonntag den Gemeindevätern und Landesvertretern so grausam in die geistigen Gliedmaßen gefahren sein, dass sie nicht mehr imstande waren, sie überhaupt noch zu bewegen. Und sie waren nicht die einzigen.

Während sich das Häuflein Aktivisten abends um halb zehn auf dem Hauptplatz einfindet, um auf das Aufziehen der Fahne zu warten - das, nebenbei, anderentags die Reputation Oberwarts in den Medien so halbwegs retten wird -, gehen in den Wohnungen ringsum die Lichter aus. Und doch kann man die hinter den Gardinen der Dunkelheit versteckten Silhouetten beinahe greifen. Sie wollen nicht beobachtet sein beim Beobachten, sie wollen nicht gesehen werden beim Zusehen. Das Versteck ist die der Silhouette des Kleinmuts immanente Lebensform.

Mittwoch, drei Tage nach der Katastrophe. Überraschend viele Oberwarter scharen sich am Nachmittag um den Imbissstand, einem lokalen Kommunikationszentrum. Kein Wort vom Massaker, kein Wort von den Betroffenen, kein Wort vom bevorstehende Begräbnis. Das Lachen der Umstehenden klingt wie tot. Man hat die Gardinen des Verdrängens schon wieder zugezogen in Oberwart.

Und nicht nur dort. Es gibt ungezählte Oberwarts in Österreich.

 

Peter Wagner

 

Der Kommentar wurde am 11. Feber 1995, am Tag des Begräbnisse der beim Bombenanschlag von Oberwart umgekommenen Roma, unter dem Titel „Österreich hat viele Oberwart“ in der Tageszeitung „Der Standard“ publiziert.

 

 


 

Kommentare, Reden, Offene Briefe (Auswahl)

 
Rede an Oberwart
Eine ganze Vergangenheit ist detoniert
Postgebühr Bar Bezahlt
Festvortrag zur Eröffnung des neuen Offenen Hauses Oberwart
Die verhinderte Konfrontation.

Amen dschijas – wir leben! Roma / Wochen / Oberwart / 2005

MUSIKFILE „Waaßt Du, wo Auschwitz liegt?“
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