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Festvortrag zur Wiedereröffnung des Offenen Hauses Oberwart

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde, Mitglieder, Akteure des OHO!

 

I

Schon am Tag, als das Attentat bekannt wurde, war Oberwart wie ausgestorben. Oberwart ist an Sonntagen immer wie ausgestorben. Diesmal, am 5. Feber 1995, stellte es sich überhaupt tot.

Wir, Wolfgang Horvath, Alfred Masal, Horst Horvath und ich saßen an diesem Sonntag in Deutsch Kaltenbrunn rund um Walter Davy an einem Tisch, auf dem die ersten Skizzen für ein Bühnenbild entstanden. Es war die erste Regiebesprechung für das Stück „März. Der 24.“, in dem es um die Erschießung von jüdischen Zwangsarbeitern am 24. März 1945 nahe bei Rechnitz geht. Walter Davy, dem sein erster Fronteinsatz als blutjunger Schauspielschüler ein Bein gekostet hatte, sagte, von seiner mit fahrigen Bewegungen entstandenen Skizze aufblickend: „Es wäre ein großes Glück für Österreich, wenn es sich nicht um ein Attentat, sondern um einen Unfall handelte.“

Im Gesicht von Horst Horvath stand etwas anderes geschrieben. Es gibt ein Foto von dieser Séance ungezügelter Betroffenheit: der große dicke Mann beißt am Fingernagel des Daumens, fast wie ein Kind, eine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger. Die Augen konzentriert, hilflos, zweifelnd, misstrauisch auf einen imaginären Gesprächspartner gerichtet. Das ganze Gesicht ein Zeugnis von Angst und Klarheit, nein Gewissheit: die Bombe von Oberwart, vor wenigen Stunden detoniert, war kein Unfall. Die Bombe von Oberwart war das Handwerk eines neuen Zeitgeistes.

Man ließ die Regiesitzung für das Theaterstück sehr bald Regiesitzung sein. Man widmete sich einer anderen, dringlicheren Regie: per Rundruf an den Roma-Verein, die Gemeinderäte, Medien, verschiedene Organisationen und Bekannte wurde für 17 Uhr ein Treffen im Café des Offenen Hauses Oberwart einberufen.

Eine seltsame, anrührende Choreographie hatte sich dort ergeben. Gut zwei Dutzend Bewohner der Romasiedlung, meist mittleren Alters und Jüngere mit Kindern, saßen doppelt so vielen Menschen im gefüllten OHO-Café gegenüber. Von Angesicht zu Angesicht. Schock und Angst standen so manifest im Raum wie der Qualm der Zigaretten. Und doch auch so etwas wie ein Verbindendes. Ja: und Sprache. Erstmals hörte ich Roma nicht im direkten, individuellen Dialog, sondern als Gemeinschaft mit Sprache hantieren. Erstmals wurde ich Zeuge des Phänomens, daß Katastrophen Gefasstheit und Klarheit erzeugen. Gefasstheit und Klarheit hatten einen einzigen Namen: Sehnsucht. Sehnsucht nach dem Ende des immer währenden Holocaust. Sehnsucht. Unsentimental. Nüchtern. Mit der Klarheit des offenen Blicks. Von Angesicht zu Angesicht.

Für einen Augenblick überfiel mich eine perfide Euphorie wider meine bessere Intuition, an jenem Sonntag im OHO-Café: endlich würde die Oberwarter Bevölkerung auf die Roma am Rande ihrer Siedlung zugehen und sie, wenn schon nicht in die Arme nehmen, so doch mit einer Geste der Solidarität aus einem sich läuternden Bewusstsein heraus, mit einem Zeichen eines echten, tiefen Beileids unterstützen. Fast schäme ich mich, diese kurzzeitige Euphorie überhaupt zuzugeben. Die Realität der Tage und Wochen nach dem Attentat sprach ihr nicht nur Hohn, sondern relativierte sie mit brutaler Offenheit als gleichermaßen weltfremd, naiv und gefährlich. Der physischen Katastrophe eines Bombenattentats folgte dessen mentale Katastrophe: die über die Jahrzehnte hin kultivierte Kluft zwischen Oberwartern und Roma war schlagartig wieder virulent, ja endlich ganz und gar offensichtlich geworden.

 

II

Jeder hier weiß - und wer es nicht weiß, der will es nicht wissen -, dass das Verhältnis der Oberwarter Bevölkerung zu den Roma am Rande ihrer Stadt alles andere als das Produkt eines echten Miteinanders war und ist. Dass es sich nach den Morden nicht nur nicht verbesserte, sondern latent verschärfte, war hingegen nicht unbedingt abzusehen gewesen, wurde jedoch durch eine Reihe von Faktoren zumindest unterstützt:

die so unbedachte, wie unbedacht kalkulierte Meldung eines kleinen Gendarmeriebeamten, der in Anbetracht der Leichen die Tat als Selbstmord identifizierte - was ausreichte, diese Einschätzung anderthalb Tage lang zur offiziellen Doktrin des Innenministers zu machen;

eine unglückselige Spendenlawine, die den allerprimitivsten Neidkomplex der Oberwarter Bevölkerung eruptiv erweckte und zum Motor neuer Ressentiments machte;

eine zögerliche Stadtregierung, die mit dem Schockerlebnis nicht umzugehen verstand und sich in Rechtfertigung statt Auseinandersetzung erging;

eine unsäglich zeitverzögerte Kenntnisnahme der Tragödie durch die Landes- und Bundesregierung, die in der nicht einmal gespielten Fassungslosigkeit des damaligen Bundeskanzlers angesichts der tristen Wohnverhältnisse, in denen die oberwarter Roma lebten, gipfelte;

die flächendeckende Ignorierung des Attentates in sämtlichen Stadt- und Bezirksgazetten von SPÖ, ÖVP - von der dritten Mittelpartei wollen wir gar nicht erst sprechen - in den Wochen und Monaten nach dem Attentat, als keine einzige Zeile dieses auch nur erwähnte oder gar ein allfälliges Bedauern den Opfern gegenüber zum Ausdruck brachte;

eine Journaille, die das Attentat zum Vorwand für ungezügelten Voyeurismus missbrauchte und die Oberwarter Bevölkerung von Anfang an in die hässliche Defensive der Denuntiation manövrierte;

vor allem aber die Unfähigkeit und der Unwille entscheidender Meinungsträger, der „Es geschieht ihnen schon recht“-Mentalität vieler Oberwarter entschieden und mit Rückgrat gegenüberzutreten.

Im Gegenteil. Halb Oberwart hatte sich, ohne es wahrscheinlich selbst zu bemerken, in sinnfälliger Relativierung der Katastrophe zum klammheimlichen Komplizen eines Mörders gemacht. Freilich hinter vorgehaltener Hand. Die vorgehaltene Hand ist ohnedies ein Kuriosum menschlichen Gemeinwesens: verantwortlich für Abermillionen von Toten musste sie noch kein einziges Mal in der Menschheitsgeschichte vor Gericht erscheinen.

Vermutlich will mir gerade deshalb trotz der Festnahme des sog. Bombenhirns der Seufzer der Erleichterung nur so schwer über die Lippen. Ich bin eigentlich überhaupt nicht wirklich erleichtert. Denn außer, dass ein Gebilde namens Eurowart zur allzu rasch durchschaubaren, daher einigermaßen peinlichen Imagepolitur eines stigmatisierten Ortes aus dem Boden gestampft wurde, das tunlichst jeden Querverweis auf ein Attentat oder gar Volksgruppenproblem zu unterdrücken versucht, hat sich in Oberwart noch niemand lauthals zu fragen gewagt - ich nehme dabei das OHO aus -, warum gerade dieser Ort der Entschlossenheit eines Bombenbauers so dermaßen zur Ehre gereichte, dass er ausgerechnet hier sein mörderisches Handwerk zu zelebrieren gedachte.

Ein auf Anregung des OHO von Bürgermeister Racz einberufenes Treffen sechs Wochen nach dem Attentat endete in einem Fiasko. Es sollte der Reflexion des Bestehenden und Geschehenen sowie seiner Ursachen dienen, unter Einbeziehung aller wesentlichen Meinungsbildner in den Oberwarter Vereinen und unter bewusstem Ausschluss der Medien. Der Bürgermeister hatte in der Aula der Hauptschule dreihundert Sessel aufstellen lassen. Gekommen sind dann ganze 16 Personen, die einen verschämten kleinen Kreis bildeten, während aus der Informhalle nebenan die Jubelschreie von dreitausend Zuschauern eines Basketballspiels wie Brecher eines wild gewordenen Ozeans auf die Hauptschule herüberrollten.

Die Bombe hatte beachtliche Arbeit geleistet. Über jene vier sternförmig um einen Detonationspunkt choreographierten Leichen, im Februardreck liegend, hinweg. Zu einem Zeitpunkt, als der Schnee fast schon heimkehren wollte.

 

III

Vielleicht aber hängt auch zu viel vom historisch gewachsenen Opfer an den Roma, als dass uns ein vorurteilsfreier Umgang mit unseren verdeckten Schuld- und Hassgefühlen überhaupt noch möglich wäre.

Selbstverständlich stellen sowohl die Reduzierung der Roma auf die Opferrolle als auch ihre romantisierende Verklärung, wie sie von angeblichen Großpoeten, aber auch von vielen durchschnittlich Wohlmeinenden noch immer aus dem Kanon der Klischees gezaubert wird, Spielvarianten der Diffamierung dar. Beide, Reduzierung und Verklärung, wollen das schier unentwirrbare Wechselspiel von historischen, politischen, kulturellen Ursachen und Wirkungen überhaupt erst nicht in Betracht ziehen, sondern verwenden die Tragödie ungeniert als Synonym für die böse Gesellschaft, ohne im gerechten Aufwall der Gefühle empfänglich werden zu müssen - nicht für das Böse alleine, sondern und gerade für die Tücke auch des Guten und Wohlmeinenden. Wir Wohlmeinenden müssten tieferen Einblick in die Psyche der Menschen, ihre Politik, die Gründe ihres Handelns und ihrer Verweigerungen nehmen, was uns den Gebrauch allzu schneller Erklärungsmuster nicht nur erschwerte, sondern womöglich überhaupt versagte. Ist der tiefere Einblick für die Demagogie der Volksverhetzer ohnehin kontraproduktiv, so ist er für die Demagogie der Wohlmeinenden in der Regel zu anstrengend und vermeintlich ebenso wenig zielführend: auch wir Inhaber des schnellen Urteils über unsere intolerante Gesellschaft sind letztlich Spießer, die der abrufbaren, politisch praktikablen Behauptung mehr vertrauen als der gründlichen Infragestellung und Reflexion. Oder gar einer kontemplativen Intuition.

So haben wir alle, Ewiggestrige und Antifaschisten gleichermaßen, letztlich die Chance verabsäumt, tieferen Einblick in die Not unseres Jahrhunderts und deren katastrophale Folgen zu nehmen. Die Not ist immer eine Not der Menschen, niemals nur die der Verhältnisse. Die Abgründe, die wir immer schon begreifen wollen, sind in der Regel um so vieles tiefer, die Wurzeln um so vieles - auch im Kontext der historischen Verhältnisse - weitläufiger, als es die Romantisierer des Guten überhaupt vertragen. Somit bleiben sie unausgelotet und letztlich unwirksam, sprich: unwirklich auf die Lehre, die man aus dem Schrecken ziehen könnte. Ziehen müsste.

 

IV

Vielleicht sind wir jetzt doch wieder bei uns, beim OHO angelangt, dem Offenen Haus Oberwart. Einem Haus der Provinz, das sich mit der Rolle eines Hauses der Provinz noch nie so richtig abfinden mochte. Und doch repräsentieren auch wir die Provinz. Mehr noch - und das mag in Wahrheit unsere Rettung sein -: die Provinz ist unser Thema. Sie ist der Acker, auf dem wir säen und ernten, hoffen und beten, zweifeln und versagen.

Noch immer taucht dieses gewisse Unbehagen auf, wenn es darum geht, Provinz zu definieren. Verstehen wir sie zunächst rein sachlich als das ländliche Gegenstück zur urbanen Evolution, so haftet ihr einerseits ungefragt eine gewisse Rückständigkeit speziell in kulturellen Belangen an. Andererseits steht sie für eine halbwegs intakte Umwelt, für den Freiraum der Natur, für noch vorhandene zwischenmenschliche Kommunikation ohne technische Hilfsmittel, für die generelle Überschaubarkeit einzelner Gesellschaftsstrukturen - Werte, die in einer Welt, die in der viel zitierten „Globalisierungsfalle“ hängt, von immer größerer Wichtigkeit werden könnten und im Grunde genauso unter den Überbegriff Kultur zu subsummieren sind.

Zunächst aber wird die Provinz noch immer mit einem gewissen Mief identifiziert, der sowohl der vorhandenen, sich der schnellen Angleichung verweigernden Struktur anhaftet, als auch jenen gesellschaftlichen Entäußerungen, die mit einer bestimmten hartnäckigen Zeitverzögerung schließlich auch die Provinz erreichen. Die Provinz ist der verzögerte Zeitgeist. In der Provinz mieft sich der Zeitgeist aus. Am penetrantesten pflegt er dies in der Regel in den Kulturhäusern zu tun, in denen die Eitelkeit von gestern zum geistigen Ausgedinge von heute gerät, speziell auf dem Parkett kleinbürgerlicher Unterhaltungswut: in der örtlichen Freizeitmehrzwecksvereinshalle, im Kulturzentrum, auf der Festspielbühne. Das Burgenland ist in jeder Hinsicht die exemplarische Provinz, und nicht nur aufgrund fehlender urbaner Strukturen.

Natürlich hängt auch die Provinz längst schon in der Globalisierungsfalle. Die elektronischen Medien und Kommunikationsmaschinen haben das Ihre getan, um räumliche Distanzen aufzuheben und die Welt zu einem einzigen Ort, respektive Nicht-Ort beinahe schon wahllos fließender Information zu machen.

Insoferne ist das überlieferte Bild der Provinz als Endstation des Zeitgeistes heute zumindest anzweifelbar. Provinz muss nicht zwangsläufig Provinz sein, die Wegstrecke zwischen modernistischer Urbanität und nachziehender, sich anbiedernder Provinz ist entfallen, der Geist der Zeit in Sekundenbruchteilschnelle zu transportieren - auch in die Provinz und aus der Provinz.

Freilich bleibt noch immer die Frage offen, ob die Entwicklung in den Köpfen der Rasanz in den technischen Labors und industriellen Werkstätten noch einigermaßen standhalten kann. Provinz wird weiterhin existieren, solange sie eine Befindlichkeit in den Köpfen der Menschen darstellt. Man wird sagen können: Provinz hat nichts mehr mit der Unterscheidung Stadt-Land zu tun, sondern ausschließlich mit einer ganz bestimmten Befindlichkeit. Provinz ist die Selbstgerechtigkeit des Kleinbürgers: ob sie Thomas Bernhards „Heldenplatz“ mit dem Brustton der Empörung und dem so süffisanten wie verklemmten Schielen auf Wählerstimmen skandalisiert; ob sie anlässlich einer Nitsch-Ausstellung ihre Fäkalien ablädt; ob sie behauptet, wer Visionen habe, brauche einen Arzt; ob sie im Verein mit der Kirche an einem Schutzalter für Homosexuelle festhält; ob sie einen Achternbusch-Film über Jesus Christus per Gesetz österreichweit verbieten lässt; ob sie als tägliches Kleinformat die Herrschaft über den gesunden Menschenverstand antritt; ob sie das OHO als den wahren Schandfleck Oberwarts deklariert; ob sie in hunderttausendfacher Handschrift ein Ausländervolksbegehren unterschreibt; oder ob sie gleich eine Rohrbombe in die ewige Ungereimtheit österreichischer Identität platziert - die Provinz zieht sich flächendeckend durch das Seelenleben des gestrigen und heutigen Österreichs. Und: die Provinz ist wieder dabei, sich zu emanzipieren, wo sie der Meinung ist, verloren gegangenes Terrain zurückgewinnen zu müssen. Da ihr die Moderne immer schon verdächtig war, hält sie die Zeit für reif, endlich wieder Schluss mit den Experimenten zu machen, den politischen, den künstlerischen, den existenziellen. Die Provinz ist das Credo der Selbstgerechten. Von Blau über Schwarz, Rot und Gelb bis Grün.

Auch jener Teil der Kulturpolitik, der glaubt, zeitgenössische Kunst wäre lückenlos in das merkantile Netz und marktpolitische Gesetz einzuschleusen, frönt, auf durchaus salopp-zeitgeistige Weise, dem reaktionären Geist der Provinz. Die Provinz ist die Inthronisierung des Musters an der Stelle der Strategie.

 

V

Das Offene Haus Oberwart hat sich etabliert.

In dieser lapidaren Feststellung liegen Fluch und Auftrag des Hauses in gleicher Weise. In ihr ist der Vulkan der Paradoxie verankert, der unter unseren Füßen arbeitet. Zwar werden wir nach wie vor von vielen Oberwartern sicher nicht geliebt, vom Großteil mit interessiertem Wegschauen als hinzunehmende Tatsache registriert, aber es ist dennoch unübersehbar geworden, dass das Offene Haus Oberwart über eine für seine Größe ansehnliche Öffentlichkeit verfügt, die längst die Grenzen des Burgenlandes sprengt. Die Erwartungshaltung auf die Qualität Produktionsmaschine ist hoch. Darüber hinaus hat sich in den letzten Jahren so etwas wie ein Klischee auf die Erwartungen, die in dieses Haus gesetzt werden, gebildet: das OHO soll provokant sein.

Hofnarren dürfen, was vielen anderen den Kopf kosten würde. Dennoch bleiben sie als Hofnarren in der Substanz ihrer Wirkung eher jämmerlich, gemessen an dem, was sie vonwegen äußern dürfen. Abgesehen davon ist die Gefährdung, die dem Klischee des Provokanten wie ein Beiwagen ansitzt, beträchtlich: wer provokant ist, weil er glaubt, es sein zu müssen, führt seine Kritik am Bestehenden selbst sehr schnell ad absurdum und noch schneller in die Peinlichkeit.

Andererseits ist Provokation sehr wohl ein Auftrag. Er kann sich allerdings nur sehr mittelbar einlösen, wenn er einem Publikum tatsächlich zum Gewinn gereichen soll. Zum Beispiel in der Kunst. Je höher die Qualität der Kunst ist, die dem Publikum hier geboten wird, desto größer die Provokation: denn Provokation heißt, das bisher Verdeckte und Versteckte hervorzurufen unter der Kruste persönlicher und gesellschaftlicher Konvention und Unterdrückung. Daher lautet der allererste Auftrag an dieses Haus: Wir müssen den Fluch, der auf uns lastet, ernst nehmen und Qualität produzieren. Obwohl und gerade weil unser Thema die Provinz ist. So gesehen liegt gerade in der Gründlichkeit einer Arbeit die größte Provokation.

Qualität aber ist nicht umsonst. Und das in jeder Hinsicht. Wer aber nun einmal auf Geld angewiesen ist, der ist auch abhängig von ihm.

Das Offene Haus Oberwart ist damit Teil des Establishments. Weder die Verwaltung solch eines Kulturhauses noch die Kunst, die in ihm produziert wird, kann ohne das Geld, das dass politische Establishment zur Verfügung stellt, existieren. Die Politik und nur die Politik trifft die Entscheidung, ob solch ein Unternehmen funktionieren darf oder nicht. Insoferne brauchen wir die Umarmung der Kulturpolitik, insoferne erwidern auch wir ihren Kuss.

Die entscheidende Frage dabei lautet: mit welcher Haltung begegnen wir dieser Tatsache? Sicher kann es nicht sein, dass uns unsere freiwillige oder unfreiwillige Mitgliedschaft im Establishment käuflich macht. Wenn wir uns kaufen lassen, wenn wir uns gar schon kaufen haben lassen, sind wir ohnedies verloren. Dann werden wir vielleicht ein Kulturhaus, dessen Neuerrichtung uns das Establishment ermöglicht hat, betreiben, nicht aber die Achtung vor uns selbst. Und es wird eine Menge von Verlogenheit diese Räume hier füllen, so oder so aufgemotzte Gefälligkeit, die überdies noch verlogener wird, sobald sie sich mit dem Mäntelchen des Provokanten tarnt.

Sollte es aber so sein, dass wir uns noch nicht kaufen haben lassen und dieser Versuchung auch in Zukunft widerstehen werden können, so kann unsere Haltung unserer eigenen paradoxen Situation gegenüber nur in der prinzipiellen Unerschrockenheit unserer Entäußerungen sein, der ästhetischen, der inhaltlichen. Dann wird es an der Politik liegen, ein Credo abzulegen für die wertvolle Atemluft einer offenen Gesellschaft - oder ein Haus wie dieses sterben zu lassen, bzw. anderen Händen zu übergeben.

Unsere Entscheidung ist in jedem Fall eine prinzipielle und moralische.

Die Entscheidung der Politik eine prinzipielle und faktische.

Das ist der Fakt.

Ich danke Euch allen, die Ihr am Entstehen dieses Baues beteiligt wart. Ich danke für die Verpflichtung, die wir damit übernommen haben.

Ich danke von ganzem Herzen. 

 

Peter Wagner
Offenes Haus Oberwart, am 25. Oktober 1997

 

Der Vortrag ist in der Zeitschrift „Kulturrisse“ und in der „Volksstimme“ erschienen.

 

 


 

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