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"Hure Europa!"

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Textauszug

"Tanz im Spinnennetz – Inszeniertes Oratorium"

Nach Texten des bosnischen Dichters Kemal Mahmutefendic

 

Mitteilung an Europa

Hure Europa, erlaube mir, daß ich einige Worte an dich richte, die deinem aufgedonnerten Kopf aus angeschmierten Gesichtern und einem Hirn, das seine letzten Impulse der Zusammengehörigkeit und der Selbstachtung gerade noch ausschickt, nicht weh tun werden.

Hure, so nenne ich dich, doch gleichzeitig denke ich auch daran, wie ich dir ein lobendes Attribut geben könnte, das du nicht schon lange abgewetzt hättest in deinen Jahrhunderten des Makels und der Selbstsucht, die du mit Fortschritt und Zivilisation bezeichnest.

Du Missgeburt aus Elektroden und Präservativen, Kreatur aus Glas und Plastik, Abgasen und Premieren, zerquetschten Worten und Anspielungen, aus Diplomatie und Schwarzhändlern, aus Dividenden und Aktien, Metros und Clochards, Theatern und Bordellen, Justizpalästen und Pissoirs ... siehst du überhaupt noch etwas mit Deinen Augen vor lauter Smog, hörst du denn noch überhaupt etwas vor lauter Chaos, fühlst du noch etwas mit Deinem spröden, trockenen Herzen, das in den Schlaf ohne Erwachen versunken ist?        

Europa, dein Name wird immer hässlicher, erinnert an die schreiende Reklame des mitternächtlichen Motels, in dem der Mord mit dem Küchenmesser passiert, mit giftigem Gas oder durch Ersticken im Dreck.        

Europa du bist nicht einmal mehr für ein Verhältnis gut, egal in welcher Lage, gleich in welcher Stellung es getan wird.

Weder umzubringen noch anzuspucken, noch für eine ganz gewöhnliche Ohrfeige bist du gut. Warum bist du überhaupt?        

Sagen wir, es gibt dich nicht.

Dennoch bist du irgendeine schleimige Masse, die aus dem Kadaver tropft. Dennoch wehrst du dich, Hure, auf ganz eigene Art seufzend, wie eine ausgefickte Maschine, die mit knirschenden Schrauben, klappernden Zähnen und kaputten Beinen im siedenden Kot des Hotelbettes liegt. Dennoch schauspielst du mit deinem rissigen spröden Gesicht, mit deiner morschen Fassade, eine eingespielte diplomatische Geste, rot und erhitzt wie ein angeschissener Affenarsch. 

 

 

Deine Liebe "zur Kunst"? Das erinnert an das Streichen der Klitoris mit Pferdehufen. Deine Impressionismen und Rembrandts, dein Renoir und dein Gaudi, deine Pompidou-Zentren und deine Heidelbergs, dein Oxford und deine Louvres, Reims und Chartres, deine Notre-Dames, deine Galerien und Auktionen, deine Opern und Soireés, deine Picassos, verrückten Dalis, van Goghs, deine Gallimards und deine Nobels - all das ist nur Rauch aus der Möse gegen ein einziges Wäldchen, durch dessen Blätter die an einem Frühlingstag geborene Sonne durchscheint.

Was ist dein Rodin, dein Henry Moore gegen ein zitterndes Schnäuzchen in einer blumenbesprengten Wiese. Das Brausen eines Wasserfalls über von Moos bewachsenen Felsen ist ein himmlisches Oratorium gegen all deine Händels, Bachs und Gott weiß was noch alles für Kirchenmäuse, aus denen ein fauler Schimmel von Weihrauch und von Lügen über Gott, den windigen Hund, entgegenschlägt, der so, wie sie ihn ausdenken, nicht zwei Schritte zu machen imstande wäre auf dieser harten, weiten und verzückten Welt, die sich aber nicht täuschen läßt und schon gar nicht aneignen, mit billigen Formeln verrückter Propheten und ihrer noch verrückteren Nachfolger.

Europa - aus deren geflicktem Leib sich winzige, giftige Sägespäne an Lügen und Eitelkeit ergießen, ohne die es bei dir kein Denkmal der sog. Freiheit gibt und Symbole sog. ruhmvoller Vergangenheit - Europa, ich möchte dir auch noch das letzte bekanntgeben - sowieso in den Wind gesagt -, warum ich so "grob" war und "unkultiviert" dir gegenüber, du saftloses Flittchen verreckter Städte, Flittchen mit müden Beinen, kaltem Bauch, verwelkten Brüsten, in Panik geratenem Hirn und einer mit sich selbst am meisten verfeindeten Seele.

Für all das gibt es nur einen Grund: Bosnien. Kennst du diesen Namen? Weißt du, wie blutig und traurig dieser Grund ist?

 

 

Nein, ich flehe nicht um Hilfe - ich wusste im vorhinein, niedrig und verdorben, wie du bist, dass du das annehmen würdest - für diese Kinder, Frauen, die verweinten Alten, dieses zermalmte Fleisch, das im Schmerz Gott anfleht (einen Gott, den es nicht gibt; sogar die Lüge, es gäbe ihn, verschwindet spurlos).

Nicht um Hilfe - denn zur Hilfe bist du ja nicht mehr fähig, und für uns ist es ja auch schon zu spät - nur ein einziges wünsche ich dir, Schlampe, folgendes soll dir passieren -

Dass du mit dem gleichen feurigen Stempel auf nackte Haut beschenkt wirst, einem Stempel, der weiter und tiefer schmerzt, mehr als das Leben, so schlimm und so früh wie nur möglich, deine Städte mögen brennen, der Himmel über ihnen, die Erde darunter, die höllische Asche soll die Sonne verhüllen. Vielleicht wirst du dann erst irgendwie deine eigene Seele erlösen, wenn überhaupt etwas von ihr übriggeblieben ist.

Und unser Bosnien möge dir - mit seiner Erfahrung - die einzige Hilfe und möglicher Trost dann in der Hölle sein!

Europa, vergewaltigt vom eigenen Hochmut - verzeih, aber es musste gesagt werden.

Güssing, 1. Tag des Frühlings, 1993

 


 

Inszenierungen Bühne Peter Wagner

 
TEXTFILE „Hure Europa“
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Jan Sokol 1961-2005
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