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Pflöcle / Korridor -
nach der ersten Zerstörung

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Pflöcke / Korridor - Landschaftsdramaturgische Installation beim sog. Anschlussdenkmal - Oberschützen 2008

 

Ein Nazidenkmal als Herausforderung – Ein Künstler als Nestbeschmutzer

Der Pflöcke-Krimi von Oberschützen

Wer hat den längeren Atem? Der burgenländische Autor, Filmemacher, Theatermann und Aktionskünstler Peter Wagner – oder die bereits viermal zuschlagenden Gegner der künstlerischen Installation, mit der Wagner dem auf Bellevue-Lage positionierten „Anschluss“-Denkmal aus dem Jahre 1938 den Krieg erklärt? Die 70 Pflöcke an der Straße neben dem Nazi-Monument in der burgenländischen Gemeinde Oberschützen – sie stehen für die 70 Jahre, die seit dem „Anschluss“ Österreichs vergangen sind – wurden immer wieder herausgerissen. Der Pflöcke-Krimi gibt aber nicht nur zur Ärgernis Anlass. Er zeigt, dass künstlerische Interventionen Machtträger verunsichern können. Der Augustin befragte dazu den „Herrn der Pflöcke“, Peter Wagner.

Vielen Augustin-LeserInnen werden das Denkmal noch nie gesehen haben, das durch deine Aktion nun endlich wieder „umstritten“ ist. Kannst du es kurz charakterisieren?
1938 hat man im südburgenländischen Schulort Oberschützen mit dem Bau des so genannten „Anschluss-Denkmals“ begonnen. Es sollte an das “phänomenale“ Abstimmungsergebnis in diesem Ort erinnern, die totale Bejahung der Diktatur durch die Oberschützer Bevölkerung. Die errichtete das Denkmal entsprechend freiwillig und in unbezahlten Arbeitseinheiten an einem „dramaturgisch“ sehr geschickt gewählten Ort. Man konnte und kann das Denkmal vom niederösterreichischen Wechsel aus genauso sehen wie vom Geschriebenstein, dem höchsten Berg des Burgenlandes. Unter reger Beteiligung der Bevölkerung ist das Denkmal im Frühjahr 1939 eröffnet worden. Die Inszenierung dauerte einen ganzen Tag. Oberschützen war nicht zufällig als Standort des Anschluss-Denkmals gewählt worden. Der Ort galt als Brutstätte des Deutschnationalismus schon in Zeiten, als er noch in Westungarn lag.

Denkmäler der Diktaturen rufen in den Zeiten nach dem Sturz der Diktaturen den Streit zweier einander ausschließender Methoden der „Korrektur“ hervor. Eine Methode, ein Nazidenkmal zu korrigieren, ist dessen Beseitigung. Eine andere Methode besteht in der Ergänzung des niederträchtigen Monuments durch eine – sagen wir – aufklärerische, pädagogische, jedenfalls antimilitaristische Zusatz-Installation, sozusagen eine Entschärfung der Bombe. Du scheinst letztere Position zu teilen.
In Oberschützen spielte dieser Streit keine Rolle, weil das Denkmal selbst nach dem Krieg keine Rolle spielte – nicht einmal für die sowjetische Besatzungsbehörde schien es ein Problem zu sein. Es gibt Gerüchte, die Russen hätten den goldenen Reichsadler, der das Anschluss-Denkmal krönte, in Trümmer geschossen, die anders lautende Fama will aber wissen, dass der Doppleradler bis heute unbeschadet in einem Keller eines der ehemaligen Denkmalerrichter aufbewahrt wird. Nach dem Krieg weiß plötzlich niemand etwas über die Bedeutung dieses Denkmals. So konnte es bis in die 80er Jahre völlig unbehelligt stehen bleiben. Es blieb aber weiterhin Aufmarschplatz alter Kameraden; auch Neonazi nützten es als Versammlungspunkt. Noch 1991 fand in Oberschützen der Kommers einer schlagenden Verbindung statt, bei der Jörg Haider der Festredner war. Man marschierte vom 1931 errichteten „kleinen Anschluss-Denkmal“, das heute ohne die Inschrift, aber bestens gepflegt und mit Sitzbankerl und Thujen aufgewertet vor der Hauptschule steht, in einem Fackelzug zum großen Denkmal. Der gespenstische Zug wurde immerhin von antifaschistischen burgenländischen GymnasiastInnen begleitet. 1997 hat sich der Oberschützer Gemeinderat nach vierjähriger Diskussion entschlossen, ein Täfelchen anzubringen, das an die Gräuel der NS-Zeit erinnert. Man brachte es verschämt an der Seite des Baus an und redete der Welt ein, dass damit aus der faschistischen Architektur, die über die Landschaft triumphiert, plötzlich ein Mahnmal gegen den Krieg geworden sei. Mir kommt das vor, als wollte man mit einem Täfelchen mit der Aufschrift „Das ist eine Kirche“, auf einer Pyramide angebracht, diese tatsächlich in eine Kirche verwandeln.

Wann hast du begonnen, dich mit den Mitteln der Kunst mit dem Denkmal auseinander zu setzen?
Da muss ich ausholen. Ab meinem 10. Lebensjahr war ich Schüler des Gymnasiums Oberschützen. Die Schüler von auswärts, also die meisten, mussten täglich zweimal am Denkmal vorbei – mit dem Zug, solange er zwischen Oberwart und Oberschützen noch verkehrte, später mit dem Autobus. Jeder Schüler ist mehrere tausendmal an diesem Objekt vorbei gefahren, ohne je im Unterricht von seiner Bedeutung und seiner Problematik erfahren zu haben. Es waren ja die zurück gekehrten alten Nazis, die den Unterricht bis in die 80er Jahre gestalteten. 1981 – ich war inzwischen hauptberuflich Schriftsteller – suchte ich um Genehmigung des Projekts „Black Box“ an. Ich wollte das Denkmal, das ja einen quadratischen Grundriss hat, in einen transparenten schwarzen Stoff kleiden, sodass ein schwarzer, aber durchsichtiger Kubus entstehen könnte. Je nach dem, wie die Sonne einfällt, könnte man die innere Struktur des Denkmals wahrnehmen. Ich hatte dafür schon eine Förderungszusage seitens des Landeskulturressorts erhalten. Das Projekt scheiterte am Widerstand des Oberschützer Gemeinderats. Argument: Ein Denkmal zu verschandeln, für das die Oberschützer Bevölkerung die Steine eigenhändig auf den Berg getragen habe, könne den überlebenden Erbauern nicht zugemutet werden. So hat es mir der damalige Kulturlandesrat Mader gesteckt. 1995, nach dem Attentat gegen die Roma in Oberwart, erhielt ich das unsittliche Angebot eines österreichischen Wochenmagazins: ich solle am Tag des Begräbnisses der ermordeten Roma einige vom Medium zur Verfügung gestellte Farbbeuteln gegen das Nazi-Denkmal schleudern. Das beste Foto dieser Aktionen käme auf die Titelseite dieses Magazins. Die Roma hätten sich schön bedankt für diese „Solidarität“. Stattdessen dachte ich an eine Modifikation der „Black Box“-Idee. Nicht am Denkmal selbst, sondern in einiger Distanz, im Tal, sollte ein Modell dieses Denkmals mit fünfeinhalbfachem Inhalt errichtet werden – fünfeinhalb Jahrzehnte nach der Einweihung. Mit jedem Jahrzehnt sollt sich die Dimension des Denkmals potenzieren. Auch dieses Projekt scheiterte. Der Bürgermeister behauptete, es sei unmöglich, für Zwecke der Kunst Ackerland in Bauland umzuwidmen. Zugegeben, die Verwirklichungschancen war wegen der zu erwartenden Errichtungskosten ohnehin nicht groß. Auch der Versuch einer literarischen Bearbeitung des Themas führte zu einem Konflikt mit der Gemeinde. Dank ORF wurde den Ortsobrigkeiten bekannt, dass die Hauptfigur eines Romans vom „Nazikaff Oberschützen“ sprach. Der Bürgermeister forderte mich auf, mich öffentliche zu entschuldigen; man würde diese Erklärung in die offiziellen Schaukästen hängen.

Warum schließlich der Pflöcke-Korridor?
Ein kreatives architektonisches Spiel, das die Bedeutung des Denkmals quasi umdrehen könnte, wird am Standort bis heute nicht gestattet. Man beruft sich darauf, dass das Denkmal auf Privatgrundstück stehe, und die fünf Grundstückbesitzer lassen nicht mit sich reden, wie es heißt. Ich musste mich also mit der Bundesstraße begnügen, die am Denkmalhügel vorbei führt. Weil der Straßenabschnitt knapp außerhalb des Gemeindegebiets liegt, ist die Bezirksbehörde zuständig für das Territorium – und die hat keine Kompetenzen, künstlerische Aktionen zu verhindern, falls durch diese nicht der Verkehrsfluss gestört wird. Ich und meine Mitstreiter haben im Februar dieses Jahres – aus Anlass des 70. Jahrestags des „Anschlusses“ - 70 Pflöcke , 35 an jeder Straßenseite, in den Boden getrieben. Auto fahrende Bekannte haben mir erzählt, dass dieser 70 Meter lange Korridor aus Pflöcken, dessen Sinn ja zunächst nicht offen liegt, den Fahrer unwillkürlich veranlasst, das Tempo zu reduzieren. Intuitiv bremsen die Autofahrer hier ab. Die Pflöcke ragen 70 Zentimeter aus der Erde heraus. Schon in der ersten Nacht nach der Installierung wurde eine Pflockreihe herausgerissen, ein paar Tage später die Pflöcke der anderen Straßenseite. Die Hälfte der Blöcke hat nach diesem doppelten Vandalenakt gefehlt. Ein Hinweis darauf, dass es kaum eine Hetz besoffener Jugendlicher war, wie man mir gleich einreden wollte. Die hätten die Dinger wohl nur herausgerissen, nicht wegtransportiert. Viele Medien berichteten – und die Gemeinde Oberschützen sah sich wieder bestätigt: Peter Wagner lässt an seinem Vorhaben, dem Ort zu schaden, nicht los! Ich habe da eine merkwürdige Umkehrung unserer politischen Grundwerte erfahren: Man betrachtet den Hinweis auf ein Nazi-Denkmal als provokant – und nicht das Nazidenkmal selbst. Zuletzt sind die Pflöcke am 15. Juni verschwunden – das war die vierte Zerstörung des Korridors. Das Offene Haus Oberwart, dessen Aktivisten mir bei der Wiederherstellung der Installation geholfen haben, hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

Nachdem die Pflöcke-Installation mehrmals zerstört wurde und Oberschützen durch die Medien das Image eines ewiggestrigen Dorfes bekam, sah sich ja der Gemeinderat – mit Ausnahme der FP-Fraktion – zu einem offenen Brief an die unbekannten Täter veranlasst, der auch auf Schautafeln veröffentlicht wurde. Er enthält die den Spießbürger verratende Stelle „Ob ein Kunstwerk gefällt oder nicht, liegt immer im Auge des Betrachters ...“, aber immerhin auch eine bis dahin kaum denkbare Verteidigung deiner Aktivitäten. „Die Freiheit der Kunst“, heißt es darin, „ist Teil einer funktionierenden Demokratie“. Damit ist ja der Bürgermeister seiner Zeit weit voraus; ich glaube nicht, dass der Mehrheit seiner Gemeinde der Kunstcharakter deiner Interventionen einsichtig ist.
Zunächst zitiert er eine nicht ganz unproblematische Stelle aus der Israel-Rede des Bundeskanzlers Vranitzky. Latent kommt dabei heraus, dass doch der Großteil der Österreicher Opfer des Faschismus gewesen wäre. Ich bestreite das. Der Bürgermeister verteidigt in dem offenen Brief die Kunst – aber sein Brief enthält kein Wort über das Denkmal selbst.

Dein Pflöcke-Projekt ist aber insgesamt ein positives Beispiel für die Wirkung von Kunst. Die Debatte über das Anschluss-Denkmal ist intensiv wie noch nie seit seiner Errichtung. Fast wünschte man weitere Anschläge auf deine Installation, damit die Debatte nicht abbricht.
Gäbe es ein Geschichtsbewusstsein in diesem Land, könnten die Pflöcke längst unter dem Gras, das über sie wächst, verschwinden. So aber scheint es mir, als ließen gerade die Zerstörer die Pflöcke immer wieder aufs Neue erstehen. Paradoxerweise sind gerade sie es, die die Pflöcke einschlagen, indem sie sie ausreißen. Ich kann schon aus diesem Grund mit den Pflöcken nicht weg von der Straße.

Augustin, 16. Juli 2008
Mit Peter Wagner sprach Robert Sommer

Klarstellung Peter Wagner bzgl. Oberschützen und Artikel in der BVZ vom 23. 4. 2008

Liebe Damen und Herren der BVZ Redaktion,

in ihrer letzten Ausgabe findet sich auf Seite 16 ein Artikel mit der Schlagzeile "Offensive Aufarbeitung unserer Gemeinde" mit dem Übertitel: "Oberschützen lud zum Thema "Oberwart um 1938" ein. Peter Wagner streute den Veranstaltern dabei Rosen."
Dann das interessante Zitat des Bürgermeisters am Ende der Veranstaltung: "Es waren alle Alterskategorien anwesend. Peter Wagner kam ebenfalls und brachte zum Ausdruck, dass er die Entwicklung in Oberschützen positiv sieht. Wagner war überrascht über die Veranstaltung, die Oberschützen wieder als Vorbildgemeinde darstellte", meint Toth abschließend.
Ich weiß nicht, aus welcher Bemerkung meinerseits der Oberschützer Bürgermeister heraus gehört haben will, dass die Veranstaltung "Oberschützen wieder als Vorbildgemeinde darstellte." Da handelt es sich da wohl um eine Projektion des Bürgermeisters, tatsächlich habe ich keine zwei Sätze mit ihm gewechselt. Dass Oberschützen keine Vorbildgemeinde darstellt, zeigen die Ereignisse der letzten Wochen. Es käme mir also nicht im Traum in den Sinn, solch eine Behauptung aufzustellen oder irgendjemandem Rosen zu streuen. Ich war nach einer verbalen Attacke gegen meine Person um eine Stellungnahme gebeten worden und sagte (eine andere Zeitung zitiert es wörtlich): "Ich bin froh, dass die Menschen aus dem Ort hier zusammenkommen und diskutieren. Für mich heißt das, sie arbeiten an sich."
Ich bitte dringend darum, diesen eklatanten Wahrnehmungskollaps des Bürgermeisters zu korrigieren, denn gerade in dieser sensiblen Sache lasse ich mich zwar beschimpfen (wie das auch auf der Oberschützer Veranstaltung in der Pause geschehen ist), ich lasse mich allerdings nicht willentlich missverstehen oder propagandistisch benutzen.
Und selbstredend wird die zerstörte Installation "Pflöcke/Korridor" wieder aufgebaut. Ohne öffentliches Tamtam, einfach so. Weil man den Tätern und Vergewaltigern und Gewaltmenschen nicht nachgeben soll.
Mit besten Grüßen
Peter Wagner


"Pflöcke-Installation": Brief an Täter
Nachdem die Pflöcke-Installation in Oberschützen mehrmals zerstört wurde, hat die Gemeinde einen offenen Brief an die unbekannten Täter gerichtet. Die FPÖ Oberschützen distanzierte sich von diesem Brief.
Endlosgeschichte
Die Ereignisse rund um Peter Wagners Installation "Pflöcke/Korridor", Teil einer Jahresreihe, die die Geschehnisse des Jahres 1938 in Österreich aufarbeiten will, werden immer skurriler und scheinbar zur Endlosgeschichte.
Bereits dreimal wurde die Installation zerstört. Die Pflöcke entlang der Landstraße nach Oberschützen wurden herausgerissen. Nach der jüngsten Aktion fehlt überhaupt ein Großteil von ihnen.
Gemeinde richtet sich an unbekannte Täter
Nun hat die Gemeinde Oberschützen einen offenen Brief an die unbekannten Täter verfasst. Darin werden diese aufgefordert, die Zerstörungen zu unterlassen.
Die Freiheit der Kunst ist Teil einer funktionierenden Demokratie heißt es in dem Brief. Man sei für kritischen Dialog, aber gegen jede Form von Radikalisierung, Gewalt und sinnlose Zerstörung.
Auszug aus dem offenen Brief
"Man kann, darf und soll über Kunst sehr emotional diskutieren. Ob ein Kunstwerk gefällt oder nicht, liegt immer im Auge des Betrachters. Aber es geht hier nicht nur darum, ob ein Kunstwerk gefällt. Es geht vielmehr darum, dass Kunst auch die Aufgabe hat, Fragen aufzuwerfen, zum Nachdenken anzuregen.
Wir begrüßen jede Form des kritischen Dialoges - vorausgesetzt, dass der Dialog auf der sachlichen Ebene stattfindet. Wogegen wir uns entscheiden aussprechen, ist jede Form von Radikalisierung, von Gewalt und von sinnloser Zerstörung. Beschränkungen persönlicher Freiheit und Einschränkungen der Kunst waren auch vor 70 Jahren Teil des totalitären NS-Regimes. Dafür kann uns darf heute in unserer Gemeinde kein Platz sein!"
Auch auf Schautafeln
Dieser Brief wird auch auf Schautafeln veröffentlicht, die bei der Installation nahe des sogenannten Anschlussdenkmals angebracht werden.
Wagner will Installation wieder aufstellen
Die Installation "Pflöcke/Korridor" solle innerhalb von 14 Tagen erneut aufgestellt werden, sagte Künstler Peter Wagner am Donnerstag. Er erhoffe sich die Unterstützung der Gemeinde.
FPÖ spricht von "Pfosten-Theater"
Die FPÖ Oberschützen hat sich jetzt von diesem Brief distanziert. Die Freiheitlichen - sie haben im Oberschützener Gemeinderat vier Mandate - sprechen von einem "Pfosten-Theater".
Man lehne die Zerstörung der Installation, aber auch das Schreiben der Gemeinde ab, sagte FPÖ-Gemeinderat Ernst Karner. Das Kapitel sei abgeschlossen, die Gemeinde sollte nicht in schlechtes Licht gerückt werden.
orf.at - 20.3.2008

Das Spielchen mit Pflöcken in Oberschützen
Installation beim "Anschlussdenkmal" wurde neuerlich zerstört: 66 der 70 Pflöcke verschwanden über Nacht
Oberschützen - Was Peter Wagner da auf dem kurzen Straßenstück vor der Ortseinfahrt nach Oberschützen gemacht hat, dort, wo ein Feldweg abzweigt zum sogenannten "Anschlussdenkmal", ist eigentlich nicht besonders aufregend. 70 schwarzbemalte Holzpflöcke - einer für jedes Jahr seit dem "Anschluss" - bilden einen Korridor, auf das jeder Autofahrer inne werde, dass da was sei.
Aber Peter Wagner - sonst wäre er ja kein solch prankenbewehrter Dichter, Theater- und Filmemacher - kennt natürlich die Seinen. Und aus dieser Kenntnis heraus hat seine Wegesrand-Installation einen durchaus spannenden Drall erhalten: In der Nacht auf Montag verschwanden 66 der 70 Pflöcke, nachdem sie zuvor schon zweimal ausgerissen wurden.
Nach der ersten Zerstörung rief Wagner den in dieser Sache sehr engagierten SP-Landtagspräsidenten Walter Prior zu Hilfe. Gemeinsam schlugen sie die Pflöcke wieder ein. Der zweite Anschlag wurde von den "unbekannten Tätern" nicht nur verübt, sondern kurz darauf auch wieder gut gemacht.
Bürgermeister reagiert
Jetzt sind die Pflöcke nächtens einfach verschwunden. Der Gemeinde Oberschützen ist die Sache in hohem Maße peinlich. Zumal VP-Bürgermeister Günther Toth den südburgenländischen Ort offensiv aus jener Ecke bringen will, in die das "Anschlussdenkmal" - und nicht nur das - Oberschützen gebracht hat. In einem offenen Brief wandte sich Toth nun an die unbekannten Pflockwarte. "Zusätzlich werden wir auch zwei Tafeln aufstellen, auf der wir klar Stellung nehmen gegen diese Zerstörungen.", sagt Toth. Hoffnung, dass sein Appell, die Freiheit der Kunst auch im öffentlichen Raum zu akzeptieren, Wirkung zeigen könnte, hegt er allerdings kaum.
Verhindern ließen sich solche Aktionen auch nicht wirklich. "Was sollen wir denn tun?" Eine Bürgerwehr aufstellen? "Gerade im Gedenkjahr an 1938 wäre das wohl ein sehr schlechtes Signal."
Das sehen die Grünen ähnlich. Allerdings, so Josko Vlasich, Chef der Grünen Burgenland: "Wenn es nicht möglich ist, eine öffentliche Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit zu führen, dann sehe ich keine andere Möglichkeit als die des Polizeischutzes."
So Kunstwerke überhaupt einen Erziehungsauftrag haben, hat Peter Wagners Installation den jedenfalls erfüllt. Über das "Anschlussdenkmal" gibt es im Südburgenland immerhin eine lebendige - nun ja: heftige - Debatte.
Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 20.3.2008

Burgenland: „Anschluss“-Mahnmal: 66 Pflöcke weg
Installation bei Oberschützen bereits zum dritten Mal in einem Monat verwüstet.
Wien. 70 Pflöcke, die sich ins Erdreich bohren. Und bohrende Fragen zum „Anschluss“ vor 70 Jahren stellen. Vor einem Monat wurde Peter Wagners Installation eröffnet – 70 schwarze Holzpfeiler, die kurz vor dem Ort Oberschützen links und rechts der Landstraße in den weichen Erdboden geschlagen wurden. Sonntagnacht wurde der Pflöcke-Korridor zum dritten Mal verwüstet. Unbekannte entfernten 66 Pfeiler, nur vier ließen sie übrig.
Das Kunstwerk steht an einem umkämpften Erinnerungsort: 120Meter von den Pflöcken entfernt steht das so genannte „Anschlussdenkmal“, 1939 von den Nationalsozialisten erbaut. In den 1990ern wurde dort eine kleine Tafel angebracht – der Steinklotz, der zu Ehren des Anschlusses gebaut wurde, wurde zum Mahnmal. Nicht deutlich genug, findet Wagner. „Man muss hingehen und die Tafel mit der Lupe suchen“, kritisiert der burgenländische Künstler, der das Nazi-Denkmal schon 1981 in Schwarz verhüllen wollte. Ohne Erfolg, denn das Stein-Monument liegt auf einem Privatgrund, die Oberschützer Besitzer wollen von Kunst-Aktionen nichts wissen. Die Pflöcke auf der Bezirks-Straße sollen eine „Nadel im Fleisch“ der Verteidiger sein, so Wagner. Denn das Denkmal diene rechten Gruppen noch immer als Treffpunkt, sagt er.
„Manche im Ort erleben das als Provokation“ sagt der Oberschützer Bürgermeister Günter Toth (VP)über die Installation. Er verteidigt die umstrittenen Pflöcke: „Kunst muss Raum haben.“ Freilich könne man auf das NS-Denkmal nicht stolz sein, kaschieren sei ebenfalls keine Lösung. Toth verweist auf die lokale Geschichts-Aufarbeitung. Am 18. April findet im Ort ein Symposium statt: „Oberschützen und der Anschluss“. Die schwarzen Pfeiler werden dort wohl auch ein Thema sein. Der Künstler Peter Wagner will trotz der Entwurzelungs-Versuche nicht aufgeben: Die Pflöcke sollen wieder „gepflanzt“ werden und bis November stehen bleiben. Gut möglich, dass dem burgenländischen Kunst-Gärtner noch eine arbeitsreiche Saison bevorsteht.
"Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2008

orf.at am 18.3.08
"Pflöcke-Installation": Nun fehlen Pflöcke
Im Fall der schon mehrfach zerstörten Installation beim Anschlussdenkmal in Oberschützen gibt es eine neue skurrile Entwicklung. Die Pflöcke wurden diesmal nicht nur entfernt, viele sind auch verschwunden.
Bereits zwei Mal zerstört
Peter Wagners Installation "Pflöcke/Korridor", Teil einer Jahresreihe, die die Geschehnisse des Jahres 1938 in Österreich aufarbeiten will, wurde bereits zwei Mal hintereinander von Unbekannten zerstört.
Nach dem jüngsten Vorfall vor rund einer Woche waren die Pflöcke wieder aufgestellt worden. Auch wer dies tat, war nicht festzustellen.
Mehr als 60 Plöcke verschwunden
Nun wurde die Landschaftsinstallation entlang der Straße beim Anschlussdenkmal neuerlich zerstört. Nur noch vier der ursrünglich eingeschlagenen 70 schwarzen Pflöcke stehen, die übrigen sind verschwunden.

Mitteilung Peter Wagner vom 18. März 2008

So sieht es nach der jetzt dritten Zerstörung der Installation PFLÖCKE / Korridor beim sog. Anschlussdenkmal in Oberschützen aus. Ein Bekannter aus Oberschützen schickte das Foto mit dem Text:

"Noch eine hohe Säule zeugt von verschwund'ner Pracht,
Auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht"
Uhland
Foto von heute, Montag, 18 h - der traurige Rest : 4 Pflöcke (die anderen liegen nicht, sondern sind ganz weg) ...
Hab noch einige Bilder, falls Bedarf besteht.
Schöne Grüße

 

ORF-Bgld, Website am 10.3.2008:

Keine Ruhe um "Pflöcke-Installation"
Der Fall der schon zweimal zerstörten Installation beim Anschlussdenkmal in Oberschützen wird immer skurriler. Die Pflöcke wurden nach der Zerstörung von Samstagnacht wieder aufgestellt. Niemand weiß aber, von wem.
Unbekannte am Werk
Peter Wagners Installation "Pflöcke/Korridor", Teil einer Jahresreihe, die die Geschehnisse des Jahres 1938 in Österreich aufarbeiten will, ist bereits zwei Mal hintereinander von Unbekannten zerstört worden. Das letzte Mal in der Nacht von Samstag auf Sonntag verganger Woche.
Peter Wagner hatte in einer Reaktion am Sonntag gesagt, die Pflöcke würden sicher wieder aufgestellt. Montagfrüh standen sie auch wieder. Allerdings weiß niemand, wer sie wieder in den Boden geschlagen hat.
Die Projektbetreiber Peter Wagner und Alfred Masal waren es nicht. Sie wurden darüber heute vom Oberschützer Bürgermeister Günter Toth informiert.
Projektbetreiber hoffen auf Dialog
Sie hoffen, dass sich dieses Wechselspiel in einen echten Dialog über die Zukunft des Denkmals überführen lasse, sagen nun Wagner und Masal.
Bürgermeister Toth spricht sich in diesem Zusammenhang klar gegen die Zerstörung des Kunstwerks aus.
10.3.2008

Mitteilung Peter Wagner vom 10. März 2008:

Was für eine Überraschung!

Am frühen Nachmittag kam die Verständigung von einem ORF-Journalisten (!), dass die Installation PFLÖCKE / Korridor offenbar wieder "steht". Keine Ahnung, wer hier das Gesetz des Handelns und den Hammer in die Hände genommen hat - es sei ihm aufrichtig gedankt! Am schönsten wäre jetzt ein Dialog in und mit der Gemeinde Oberschützen über die tatsächliche Umgestaltung des Denkmals, das in seiner faschistischen Symbolkraft dasteht wie ehedem, zum Ort einer Begegnung, die die Vergangenheit reflektieren und aktiv betrauern lässt.

Fotos vom 10.3.08, 15.30h


Nach dem nun schon 3. Einschlagen teilweise schon etwas ramponiert - macht nix!

 

Mitteilung Peter Wagner vom 9. März 2008:

Ich wurde heute, Sonntag, 9. März 2008, um 9.30 h von der Polizei verständigt, dass die gestern wiedererrichtete Installation PFLÖCKE / Korridor in der Nähe des sog. Anschluss-Denkmals in Oberschützen heute Nacht erneut völlig zerstört wurde.
Laut Auskunft der Polizei hat der Bürgermeister von Oberschützen die Zerstörung am Posten in Pinkafeld gemeldet.


Sonntag, 9.3.2008, 20.15h


Noch ein Juwel: Das sog. Kleine Anschlussdenkmal vor der Hauptschule in Oberschützen.

Die folgenden Fotos stammem vom gestrigen Pflöckpflanzen.


 

PFLÖCKE/Korridor - die Zweite!

Öffentliches Pflöcke pflanzen am Straßenstück vor dem sog. Anschlussdenkmal in Oberschützen
Samstag, 8.3.2008 ab 14 h

Am 18. Feber 2008 war die Installation PFLÖCKE / Korridor, ein Projekt der Jahresreihe „zone38“ des Offenen Hauses Oberwart, auf der Straße in der Nähe des sog. Anschlussdenkmals von Oberschützen von Landtagspräsident Walter Prior der Öffentlichkeit übergeben worden. 70 schwarze Pflöcke säumten die Straße: Hinweis auf das historische Datum 1938 und die Tatsache, dass das weithin sichtbare faschistische Bauwerk auch siebzig Jahre nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland keiner entscheidenden architektonischen Umgestaltung unterzogen ist, die es in seiner ursprünglichen Bedeutung konterkariert und zu einem tatsächlichen Mahnmal gegen Gewalt, Rassismus und Völkermord macht.

Die von Bezirkshauptmannschaft und Straßenbauamt genehmigte Installation war bereits nach einer Woche vollständig zerstört. Die Pflöcke waren herausgerissen worden und lagen zur einen Hälfte auf den Böschungen, zur anderen Hälfte waren sie entwendet worden. Der Initiator und Urheber des Projektes, Peter Wagner, hat bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

Abgesehen davon, dass dieser Vandalenakt bei den Betreibern des Projektes „zone38“ zunächst Betroffenheit auslöste, bestätigt er die Notwendigkeit, die ohnehin zu lange verweigerte Diskussion über die Nazivergangenheit unseres Landes aufrecht zu erhalten und qualitativ zu vertiefen. So breit die Flut der Solidaritätsbekundungen nach der Zerstörung der Installation auch war, so wenig gab es bisher Stellungnahmen von den Parteien oder Konfessionen. Nach wie vor scheint es nicht opportun, braune Vergangenheiten und ihre komplexen Nachwehen bis in die Gegenwart anzutasten. Dieser Zustand ist grundsätzlich skandalös und unwürdig!

Aus diesem Grunde geht das Pflöckepflanzen am Samstag, dem 8.3.2008 ab 14.00 Uhr in die zweite Runde. Die Betreiber des Projektes nehmen dabei den Wunsch einiger Menschen des Landes auf, die Pflöcke wieder eigenhändig einschlagen zu wollen. Es darf sich jeder daran beteiligen. Auch Landtagspräsident Walter Prior hat sich zur Handarbeit angesagt, um ein Zeichen zu setzen.

Darüber hinaus sind auch alle Oberschützer Bürger eingeladen, sich zu beteiligen, wider die Angstmache und den sozialen Druck, dem sich viele in ihrem eigenen Dorf ausgesetzt fühlen. Es ist den Betreibern des Projektes nie darum gegangen, Oberschützen und seine Bürger in Summe zu desavouieren. Wir würden gerne allen Mut machen, nach viel zu vielen Jahren nun doch endlich Hand an ein Bauwerk zu legen, das aller demokratischen Grundsätze spottet und als geduldete Provokation so nicht länger im Raum stehen sollte.

PFLÖCKE/Korridor – die Zweite! auf der Landstraße in Oberschützen gegenüber dem sog. Anschlussdenkmal – Sa. 8.3.2008 ab 14:00 Uhr

Hinweis auf das nächste Projekt der „zone38“:
VON BESEN UND BÜRSTEN – Objektinstallationen von Sabine Maier (machfeld) und Eveline Rabold – Vernissage am Sa, 15.3.2008, 17.00, Kulturpark Oberwart
Eröffnung: Nationalratspräsidentin Barbara Pramma und MdEP Christa Prets

Alfred Masal, Eveline Rabold, Peter Wagner

 

Das Anschlussdenkmal von Oberschützen auf dieser Website

zone38 - Jahresprojekt des Offenen Hauses Oberwart

 

Oberschützen: Kunstwerk bei "Anschluss-Denkmal" nach nur einer Woche zerstört
Die Schulstadt hat, das ist nichts Neues im Burgenland, einige Schwierigkeiten im Umgang mit der einschlägigen Erinnerung
Oberschützen - In Oberschützen steht, bloß mit einer kleinen Tafel markiert, immer noch das tempelartige "Anschluss-Denkmal". Der Schriftsteller und Regisseur Peter Wagner hat nun - als Teil einer dem Jahr 1938 gewidmeten Serie des Kulturzentrums "Offenes Haus Oberwart" (OHO) - dieses merkwürdige Gebäude an der Straße von Bad Tatzmannsdorf und Oberschützen mit 70 schwarzen Holzstehern markiert.
Ihm gehe es, meinte er bei der Eröffnung der Installation, darum, sich diesem dunklen Teil der Geschichte mit ästhetischer Aufrichtigkeit zu nähern. "Lasst uns doch damit spielen. Lasst euch überraschen, was uns allen einfällt zu diesem Denkmal."
Pflöcke ausgerissen
Der erste Anlauf dazu überlebte gerade eine Woche. In der Nacht von Montag auf den gestrigen Dienstag wurden die 70 Pflöcke am Straßenrand und am Feldweg zum Denkmal ausgerissen. Der Auftakt zur, bis in den November reichenden Veranstaltungsserie zum Jahr 1938 ist nun also polizeianhängig. Die ermittelt gegen vorderhand unbekannte Täter.
Anschluss enthusiastisch begrüßt
Oberschützen hat, das ist nichts Neues im Burgenland, einige Schwierigkeiten im Umgang mit der einschlägigen Erinnerung. Die protestantische Schulstadt hat den Anschluss zu einem großen Teil recht enthusiastisch begrüßt. Nach dem Krieg wurde - erinnerte SP-Landtagspräsident Walter Prior - der Abriss mit dem Argument verhindert, "die Oberschützer hätten die Steine dafür eigenhändig auf den Berg getragen". Und er bot sich an, im Fall des Falles selbst Hand anlegen zu wollen und "die Steine eigenhändig wieder hinunterzutragen".
Widerstand gegen Suche nach Massengräbern
Dass kurz vor der Eröffnung am vergangenen Dienstag ein Oberschützer Bauer gerade hier ausgiebig seine Felder düngte, darf als Zufall durchgehen. Ein solcher ist allerdings definitiv nicht die eklatante Erinnerungsverweigerung gerade im Südburgenland. Im nahen Rechnitz stößt die Suche nach den Massengräbern der hier kurz vorm Kriegsende ermordeten jüdischen Zwangsarbeiter seit Jahrzehnten auf hinhaltenden Widerstand. Und von den beraubten und ermordeten Roma will - mit Ausnahme der vom OHO ständig gemahnten Stadt Oberwart - offenbar überhaupt niemand wissen.

Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 27.2.2008

Oberwart und der Anschluss vor 70 Jahren
Oberwart - Das Schicksal der Oberwarter Juden nach dem Anschluss im März 1938 an Hitler-Deutschland steht im Mittelpunkt des Projekts zone38.

Eigentlich interviewte Künstler Peter Wagner Zeitzeugen zum Thema "Zehn Jahre Roma-Attentat". Doch was er in einem dieser Gespräche vor drei Jahren erfuhr, war für ihn Anlass, ein siebenteiliges Projekt (siehe Bericht unten) zu initiieren, das sich mit dem Schicksal der Oberwarter Juden nach dem Anschluss vor 70 Jahren an Nazideutschland auseinandersetzt. Wagner hatte von Rechtsanwälten, Ärzten, Geschäftsleuten erfahren, die - kurz nach dem 13. März 1938 - beim Stadtpark in Oberwart den Gehsteig kehren oder mit Zahnbürsten reinigen mussten. Sie wurden mit Gewehren bewacht von ehemaligen Nachbarn, Freunden, Bekannten. Der Geschichtsschreibung ist der Vorfall nicht bekannt. "Die Tatsache, dass diese massiven Demütigungsakte auch in meiner Heimat stattgefunden haben und sich bis heute nie jemand damit auseinandergesetzt hat, hat mich zutiefst betroffen gemacht und nicht los gelassen", sagt Peter Wagner.
Aufzeigen
Denn weder öffentlich noch privat wurde der dunkle Teil der Oberwarter Geschichte jemals aufgearbeitet. Im Rahmen von "zone38 - 70 Jahre Anschluss" will eine Künstlergruppe und das Offene Haus Oberwart diese Vertreibung, Demütigung und Enteignung nicht nur aufzeigen, sondern in begleitenden Workshops mit Schülern aufarbeiten und gleichzeitig einen Bezug zur Gegenwart herstellen.
Basis für die einzelnen Projekte - das erste wurde Montag in Oberschützen eröffnet - sind Recherchen der Künstler und Befragungen der Oberwarter Bevölkerung, an denen sich auch Bürgermeister Gerhard Pongracz beteiligt.
Projekte
Peter Wagner hat etliche Versuche gestartet, das Anschlussdenkmal in Oberschützen in eine künstlerische Aktion einzubeziehen. Bisher vergebens. Nun hat er im Rahmen von zone38 die Straße, die zum Denkmal und in die Gemeinde führt, mit 70 schwarzen Holzpflöcken drapiert. Eröffnet wurde "PFLÖCKE/Korridor" am Montag von Walter Prior.
Am 15. März wird im Stadtpark Oberwart die Objekt- und Soundinstallation "Von Besen und Bürsten" von Sabine Maier und Eveline Rabold präsentiert. Vor Ort sollen Workshops mit Schülern stattfinden, zudem werden die Künstler mit Jugendlichen über Diskriminierungsrituale in der Gegenwart arbeiten. Am 19. April (18 Uhr) wird im OHO eine Ausstellung (Ursula Mindler, Wolfgang Horwath) eröffnet, die die Zeit vor dem Anschluss und die Folgen für Oberwart dokumentiert. Im Herbst bringt Clemens Berger das Theaterstück "Ich kann euch nicht mehr hören" auf die OHO-Bühne. Dabei kommunizieren Riesenpuppen (Vertriebene) mit Schauspielern (Menschen von heute). Den Abschluss des Projektes bildet ein Orchesterkonzert im November mit Kompositionen von Kamil Polak, Wolfgang R. Kubizek und dem Israeli Tzvi Avni.
Oberschützen
Auch in Oberschützen will man die Zeit vor 70 Jahren im Rahmen der Reihe "Ein Dorf und seine Geschichte" aufarbeiten. Der Museumsverein lädt am 18. April zum Symposion. Zudem will man Bürgern die Möglichkeit geben, über die 1938 zu sprechen. Begleitet wird dies vom Zeitzeugen Wilhelm Grabenhhofer und vom Museumsverein.

Kurier, 19. Feber 2008

Von Besen und Bürsten / Kulturpark Oberwart
Objektinstallation von Sabine Maier [machfeld] und Eveline Rabold
15. März - Ende September 200

Sabine Maier [machfeld] und Eveline Rabold erarbeiten in dieser Installation eine Erinnerung an die Geschehnisse rund um den 12. März 1938 – ausgehend von Vorfällen in Oberwart selbst.
Zeitzeugen berichten, dass in den Tagen unmittelbar nach dem Anschluss in Oberwart die jüdischen Mitbürger – hauptsächlich Juristen, Geschäftsleute, Ärzte – dazu gezwungen wurden, den Gehsteig vor dem Stadtpark zu kehren bzw. zu säubern. „Und andere Oberwarter Bürger standen mit dem Karabiner daneben ...“, so ein Zeitzeuge. Diese Angaben wurden von anderen Zeitzeugen bestätigt.

In den elf Objekten werden Demütigung, Vertreibung, das Nichtwiederkehren der jüdischen Bevölkerung sowie der politische Alltag und die emotionale Stimmung der Gesellschaft 1938 in Oberwart thematisiert.
Mit den Plexiglastafeln nehmen die Künstlerinnen poetisch Stellung zum Thema. Momentaufnahmen einzelner Begebenheiten, Aussagen etc. formen sich zu Text-Bildcollagen. Der inhaltliche Bogen spannt sich von Auszügen aus der Oberwarter Sonntagszeitung und einem Gedicht einer im Arbeitslager umgekommenen Jüdin bis hin zu einem Zitat von Stefan Zweig. So wird die Rückbezüglichkeit von Oberwart zu den Geschehnissen in ganz Österreich bzw. Europa hergestellt. Das verwendete Bildmaterial stammt zur Gänze aus dem Burgenland.

Die fünf Eisenquader sind unterschiedlich gefüllt und stehen für unterschiedliche Begriffe:
Die Demütigung – Die jüdische Bevölkerung wurde gezwungen, mit Besen und Bürsten den Gehsteig vor dem Park zu säubern. Der Quader ist mit diversen Bürsten gefüllt und steht für diesen Akt der Demütigung.
Das Nichtwiederkehren – Ein leerer Eisenquader symbolisiert Flucht, Vertreibung und den von da an leeren Platz in der gesellschaftlichen Vielfalt von Oberwart.
Die Politik und Bürokratie – Zeitungsartikel aus verschiedensten Zeitungen von 1938 und diverse Dokumente vermitteln politische Vorgänge und den bürokratischen Umgang mit Minderheiten.
Video1 „Der Alltag“ – Zeitungsartikel, Inserate, Kinoprogramme aus der Oberwarter Sonntagszeitung, Fotos zeigen die alltäglichen Abläufe. Das Leben nimmt seinen Lauf – ungeachtet der politischen Vorfälle und gesellschaftlichen Veränderungen.
Video2 „Die Gesellschaft“ – Gesellschaftliches Leben in den Jahren 1933-45, zusammengestellt aus Archivmaterial aus dem Burgenland.

Die Einladung zur Vernissage ist auch an Avi Rosen aus Israel gegangen. Er hat seiner Schwiegermutter, die aus Wien stammt und als Jüdin vor den Nazis flüchten musste, von der Installation erzählt. Die Schwiegermutter war vom Projekt sehr angetan. Es hat sich spontan ein Interview ergeben, das Avi Rosen mit der Kamera dokumentierte und auf youtube veröffentlicht hat. Die so enstandenen, berührenden Filmsequenzen sind unter folgenden Links erreichbar:

http://www.youtube.com/watch?v=C2Kv-fVjJko
http://www.youtube.com/watch?v=W-gN_TvjMJs
http://www.youtube.com/watch?v=hWn_MawExPE

 

 


 

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