Fotos PeterWagner Multimedia Erhaeltlich Gaestebuch Kontakt


Aufmarsch in Oberwart, 1943
Aus "Ich war sozusagen ein Dieb"
Filmdoku von Peter Wagner

STÜCKE
FILME
HÖRSPIELE
BÜCHER
MUSIK
KOMMENTARE, REDEN,
OFFENE BRIEFE
INSZENIERUNGEN
AKTONEN, PROJEKTE
MÄRCHEN
AKTUELL



Black Box - 1981

Das Anschlussdenkmal in Oberschützen.

Erstversuch - Realisierung verhindert.

 

PFLÖCKE / Korridor - 2008

Eröffnung am 18. Feber 2008, Straßenabschnitt in der Nähe des Anschlussdenkmals.

 

Eine  von mir geplante Aktion "Black Box" anlässlich des sechzigjährigen Bestehens des Burgenlandes im Jahr 1981 wurde vom damaligen Kulturlandesrat und heutigen Leiter der Friedensuniversität auf Burg Schlaining, Dr. Gerald Mader, zwar begrüßt, wäre im Falle ihrer Realisierbarkeit vom Land Burgenland auch finanziell unterstützt worden, scheiterte aber am Veto der Oberschützener: ich hatte vor, den Bau in durchgehend schwarze Flächen zu kleiden, ihn also für ein halbes Jahr in eine schwarze Schachtel (Black Box) umzuwandeln.

Der eigentliche Erkenntnismoment wäre allerdings erst im Augenblick der neuerlichen Enthüllung passiert: dagestanden wäre erneut das Altbekannte ...

Der Oberschützer Gemeinderat argumentierte , dass das Denkmal auf Privatgrund stehe - also offenbar kein öffentliches Objekt sei! Außerdem hätten die Oberschützener, von denen damals noch viele am Leben waren, die Steine im Jahre 1939 mit eigenen Händen auf den Hügel hinauf geschleppt ...

Aus diesem Grund habe ich das Projekt noch 1981 auf Eis gelegt.

Es ist nicht anzunehmen, dass die Oberschützener heute anders argumentieren werden. Heiligtümer sollen nicht angetastet werden. Mittlerweile habe ich auch gar nicht mehr vor, das zu tun.

Oberschützen ist eine Schulstadt. Es beherbergt ein BG-BRG, ein BORG, eine Haupt- und Volksschule sowie die Expositur der Musikhochschule Graz. Die Elite des Südburgenlandes ist in Oberschützen zur Schule gegangen.

Seit nun fast fünf Jahrzehnten hat niemand einen ernsthaften Versuch unternommen, das Anschlussdenkmal als Symbol unaufgearbeiteter, verdrängter Vergangenheit und/oder eines unter Umständen wach gebliebenen Geistes, der durch das Denkmal selbst signalisiert wird, zu hinterfragen. Tagtäglich fahren Tausende Schüler an ihm vorbei - im Unterricht ist es noch immer kein Thema. Neuerdings tauchen auch immer öfter Neonazigruppen auf, die beim Anschlussdenkmal ihre unheimlichen Gedenkrituale praktizieren.

Im Sommer 1994 habe ich mich entschlossen, aus der „Black Box“ die „Entfernungsdramaturgische Landschaftsaktion – Wels – Oberschützen“ zu entwickeln und sie für das „Festival der Regionen“ einzureichen. Ungeachtet des Erfolgs dieser Einreichung bleibt die „Black Box“ eine meiner Herzensangelegenheiten, nach deren Realisierung ich zeitlebens trachten werde.

Peter Wagner, 1994

Hier ein Artikel von Evi Schwarzmayer aus dem GESCHRIEBENSTEIN zum Anschlussdenkmal von Oberschützen (1995)

WIDERSTEHEN
Sind wir alle mit Blindheit geschlagen?

Das „Anschlußdenkmal“ in Oberschützen ist weithin sichtbares Symbol unserer unaufgearbeiteten Geschichte

Meine Schulzeit habe ich in Oberschützen verbracht: Acht lange Jahre fuhr ich täglich zweimal an einer „Tempelanlage“ vorbei, die auf einem Hügel oberhalb der katholischen Pfarrkirche nicht zu übersehen ist. Wir nannten es ganz einfach „den Tempel“. Wir hatten keine Ahnung, was es sonst sein sollte. Vielleicht hat irgendjemand mal was davon erwähnt, daß dies „das Anschlußdenkmal“ sei, aber ohne jede Erläuterung, sodaß es nicht in unser Bewußtsein dringen konnte.
So manchen stimmungsvollen Nachmittag, vielleicht auch Vormittag, haben wir dort verbracht, haben unsere Lateinhausübungen gemacht, weil es uns der passende Ort schien. Wir konnten uns ausmalen, daß wir Göttinnen im römischen Tempel wären, während wir grausame Textpassagen aus Caesars „Bellum Gallicum“ lasen.
Man mutete uns detaillierteste Schilderungen von Gemetzeln aller Art zu, die irgendwann, irgendwo, irgendwer veranstaltete, ohne Rücksicht darauf, daß unsere kindlichen Seelen Schaden nehmen könnten. Aber mit der Vergangenheit unserer Großväter/mütter und Väter/Mütter wollte („konnte“) man uns nicht belasten. Sie ließen uns dahintreiben, ahnungslos, ohne jedes Wissen, anfällig für Scheinwahrheiten, Aufklärung war in den späten 70iger und 80iger Jahren kein Thema.
Und heute?
Wir haben das „Anschlußdenkmal“ wahrgenommen! Wer ist wir? Wer ist schon wir?
Die Schulen in Oberschützen feiern ihr 150jähriges Bestehen! Was steht in den Festschriften? Will man noch immer nicht wahrnehmen?
Wer sind wir, wenn die Zeit von 1938-45 noch immer ausgeklammert wird in den Festschriften? Kaum 20 Zeilen ist die Zeit zwischen 1938 und 45 den Autoren wert. Aber es sind ja keine Gedenkschriften!
Als ehemalige Schülerin des EORG Oberschützen schmerzt es, ich will den Schmerz rausschreien, aber kaum jemand hört ihn.
Und die, die von weitem meinen Schrei hören, sehen Erklärungsbedarf: Ihre Großmutter war Jüdin! sagen sie! Es tut weh!
Aber ich darf nicht aufgeben!
Resignation bedeutet, daß ich meine Ideale verleugne bis zum Vergessen, daß ich schweige, mich einordne, mich verstecke hinter dem Zaun, mit gepflegtem Vorgarten, und Moder und Totengeruch im Haus, den ich durch Ordnung, Sauberkeit, Angepaßtheit und Bierdunst übertünche!
In Oberschützen steht ein Anschlußdenkmal, wir gedenken mit Wehmut an den großdeutschen Gedanken! Leise, wir unter uns, wir dürfen uns NOCH NICHT, noch nicht wirklich dazu bekennen.
Aber bald, sehr bald ist es Zeit!
Die Zeit ist nah – oder schon da?
Nicht nur am Wirtshaustisch, wo wir unter uns sind, reden und gröhlen wir, auch Politiker finden es angebracht und schick. Wählerstimmen sind der Maßstab der politischen Moral.
Es sind keine leeren Drohungen und Jugendschwärmereien ehemaliger HJ-Angehöriger.
Briefbomben und die Bomben von Oberwart und Stinatz.
Ich habe Angst! Keine Angst vor Anschlägen, keine Angst vor Bomben.
Vielmehr ist es die Stimmung in meiner Umgebung.
Angst hat keinen Platz!
Angst ist zu persönlich, zu individuell, sie hat keinen Platz in der Öffentlichkeit.
Meine Angst hinauszuschreien hat keinen Sinn! Keine Angst zeigen, nein, versuchen sie nicht zu zeigen und aufzutreten gegen alle antidemokratischen Kräfte, gegen alle Beschöniger und Verzehrer der Geschichte und Gegenwart!
Zeichen, Rufzeichen setzen immer und überall! Wir müssen uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen. Dazu gehören auch die Relikte aus der NS-Zeit. Oberschützen kann ein positives Beispiel werden.
Es bedarf einer ausführlichen Diskussion.
Wir müssen aufmerksam machen, bewußt machen und eine Lösung finden. Das Oberschützener „Anschlußdenkmal“ kann verschwiegene Geschichte ans Tageslicht bringen.
Die Diskussion ist unvermeidlich um zu sehen, was wir so gerne übersehen.
Das NS-Denkmal ist keine interne Gemeindeangelegenheit. Personen, die sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und politischen Zukunft unseres Landes auseinandersetzen, müssen einbezogen werden; dazu gehören Politiker, Historiker ebenso wie Künstler, vorallem dann wenn es um eine Um- bzw. Neugestaltung des Baus geht.
Mittlerweile sind sich „alle“ einig, daß eine „Ausradierung“ der Anlage keine Lösung des Problems sein kann, ebenso wie es nicht genügen wird eine sogenannte Gedenktafel anzubringen, auch wenn es als Übergangslösung durchaus zu akzeptieren ist. Diese Aktion zeigt zuwenig Distanz, zu wenig Öffentlichkeit wird erreicht, um eine tatsächliche Distanzierung vom ursprünglichen Zweck und der Bedeutung bis heute nicht nur zu signalisieren, sondern eine eindeutige Stellungnahme zu dokumentieren.
Dazu gehört Mut, Mut zum Bekenntnis und zur Erkenntnis der Bevölkerung Oberschützens.
Das gemeinsame Gespräch muß, darf nicht vergessen werden, denn Unverständnis kann zu neuerlichen Konflikten führen. Aktionismus kann ein Mittel sein Aufmerksamkeit zu erlangen, aber zum großen Teil Ablehnung, weshalb vorherige Aufklärungsarbeit unerläßlich ist.
Die Hoffnung, daß die Beteiligten am Nationalsozialismus ohnehin bald ausgestorben sein werden und nationalsozialistisches Gedankengut keine Nachfolger hätte, hat sich als falsch erwiesen.
Wir brauchen nicht nur eine neuerliche, sondern eine neue Befassung mit der Geschichte.
Reden wir darüber – neuerlich, aber tun wir auch etwas – gestalten wir neu!

Eva Schwarzmayer, GSCHRIEBENSTEIN

 

Das „Anschlußdenkmal“ wird zur Fremdenverkehrsattraktion

1921
Das Burgenland wird Österreichs neuntes Bundesland.
1931
In Oberschützen wird ein Denkmalausschuß zur Errichtung eines„Anschlußdenkmals“ anläßlich des 10. Jahrestages der Zugehörigkeit des Burgenlandes zu Österreich, auf Anregung von Dr. Hans Paintner, dem Leiter der Jugendortsgruppe des „Deutschen Schulvereins Südmark“, in der Form eines „altgermanischen Opfersteins“, gegründet.
Inschriften auf der Stirnseite:
            „Deutsch allezeit“
und auf der Rückseite:
            „Ragender Stein
            Mahne noch späte Geschlechter
            Immerdar schirmende Wächter
            Deutschlands zu sein!“
sollen die deutsch-nationale Gesinnung der Bevölkerung betonen.

1938
13. März, Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich. Das 1. „Anschlußdenkmal“ verkündet im festlichen Flaggenschmuck die „Heimkehr ins Deutsche Reich“. Erneutes Zusammentreten des 1931 gegründeten Denkmalausschusses mit dem Ziel der Ausgestaltung des 1. „Anschlußdenkmals“ zu einem „würdigen Feiermal“.
Der Standort erlaubt nicht die Anlegung des geforderten Aufmarschfeldes für 5000 Personen. Das geeignete Gelände für ein neues 2. „Anschlußdenkmal“ wird auf einer Anhöhe oberhalb der katholischen Pfarrkirche gefunden. Die Planung wird dem Grazer Architekten Rudolf Hofer übertragen. Zur Ausführung gelangt eine tempelartige Anlage mit schweren Pfeilerarkaden, im Zentrum ein vergoldeter Reichsadler (ausgeführt durch den Grazer Bildhauer Hans Adametz),beleuchtet von acht Feuerpylonen.

1939
Durch Geldspenden und die freiwillige Arbeitsleistung der Bevölkerung wird die feierliche Einweihung des 2. „Anschlußdenkmals“ am 21.Mai durch den Gauleiter der Steiermark Dr. Siegfried Uiberreither ermöglicht. Dem vielfältigen Rahmenprogramm, wie z.B. ein Sportfest des „Bundes Deutscher Mädchen“ und der „Hitlerjugend“, Abwurf eines Kranzes durch ein Flugzeug der NS Fliegerkorps – Standarte 115 aus Graz, wohnen Ehrengäste aus den Nachbargauen, Vertreter der Partei und „Tausende von Menschen“ aus der ganzen Umgebung bei.

1945
Laut Überlieferung wird nach dem ‘  ‘ Einmarsch der Sowjetarmee der vergoldete Reichsadler mit einer Panzerabwehrkanone zerschossen. Sämtliche Inschriften werden am 1. und 2. „Anschlußdenkmal“, ebenso die Pylonen und Feuerschalen, entfernt.
In den Folgejahren wurde mehrfach der Abbruch, bzw. die Tempelanlage als Gedenkstätte für alle gestorbenen, getöteten und gefallenen Burgenländer des 2. Weltkriegs auszubauen, diskutiert, allerdings nichts umgesetzt.
Als man in Oberschützen einen neuen Werbeprospekt für den Ort gestaltet, plaziert man es ohne Scheu auf dem Farbprospekt. Vielerorts wird daran Anstoß genommen und löst Diskussionen aus, was bei den Verantwortlichen aber auf Unverständnis stößt.

1995
Am 11. Feber findet in Oberwart das Begräbnis der vier Roma, Opfer des Bombenterroranschlags vom 4. Feber, statt. In den späten Abendstunden wird das „Anschlußdenkmal“ mit antifaschistischen Parolen besprüht und führt erneut zu der längst fälligen Diskussion, um den Weiterbestand, einer notwendigen Umwidmung oder Neugestaltung der Anlage.
1995 wird eine „Bedenktafel“ der Gemeinde Oberschützen mit folgendem Text angebracht: „Errichtet 1939 als Denkmal für den Anschluß Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Möge uns diese Stätte heute und in Zukunft ein Mahnmal sein: Gegen Diktatur, gegen Gewalt, gegen Rassismus, für Demokratie, für Frieden und für die Wahrung der Menschenrechte.
Gemeinde Oberschützen, 1995“

Diese kurze Darstellung beruht auf einer Zusammenfassung von Mag. Wolfgang Krug, der derzeit an einer Dokumentation über das „Anschlußdenkmal“ in Oberschützen arbeitet, die 1996 im Verlag edition lex liszt 12 erscheinen wird.

Eva Schwarzmayer

 

Literatur:

Wolfgang Krug: Last der Erinnerung – NS-Denkmalskult am Beispiel Oberschützen. Mit einem Vorwort von Peter Wagner. Edition lex liszt 12, Oberwart 1998. ISBN 3-901757-07-4

 

 


 

Aktionen Peter Wagner

Gründung des Unabhängigen Antifaschistischen Personenkommitees des Burgenlandes
Rede an das Burgenland
Wuchernde Nichterinnerung - Kommentar
TEXTFILE "Requiem. Den Verschwiegenen" - Ausschnitt
© 2005 | Impressum