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Originaltafel und -zündmechanismus hinter Glas - Ausstellung
"Ein Güterweg und eine Fracht"
Roma / Wochen / Oberwart / 2005

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Amen dschijas – Wir leben!
Roma / Wochen / Oberwart / 2005

Kurator: Peter Wagner

 

 

 

Roma zwischen Anger und Zuckerberg

Unter dem Titel "Amen dschijas - wir leben" gedenken die Roma des vierfachen Bombenmordes vor zehn Jahren

Die Republik war, abgesehen von ein paar erstaunlich plumpfühligen Politikern, zutiefst geschockt. Kaum je hatte man eine so bewegte, ja erschrockene Staatsspitze erlebt wie nach jener Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995, in der eine hinterhältig platzierte und zynische beschriftete Sprengfalle vier Oberwarter - Peter Sarközi, Josef Simon, Erwin und Karl Horvath - zerfetzt hatte. Der Schrecken überkam die Politiker nicht alleine wegen dieser Tat, sondern auch der Umstände wegen, die sie erstmals in ihrem Leben so schonungslos ansehen mussten, wie sie tatsächlich eben waren. Thomas Klestil, der Bundespräsident; Karl Stix, der burgenländische Landeshauptmann; Franz Vranitzky, der Kanzler der Republik - sie alle versprachen mit einem Mal all jene Dinge, die vorher zu tun zweitrangig erschienen waren. "Das Netz des Wohlstandes", so der Kanzler, "müssen wir fester knüpfen."

"Zuckerberg"

Von der Ausbildung der Kinder bis zur Wohnsituation der Familien: Alles, worin die Roma ihr Leben verbrachten, schien auf einmal eine Anklage gegen einen selbst zu sein. Der bauliche Zustand der kleinen, abseits platzierten Siedlung unter der in ganz Oberwart und Umgebung einschlägigen Adresse "Am Anger" war da nur das drastische Symbol für das Verrottete des Umgangs mit der schwächsten, seit Jahrhunderten gequälten Volksgruppe.

Die Siedlung ist heute saniert, unlängst erst hat die Gemeinde einen von den kleinen Häusern aus einsehbaren Kinderspielplatz hingestellt. Ein "Zuckerberg" - so nennt sich das wohlhabendste Viertel der südburgenländischen Stadt - ist der Anger immer noch nicht. Wegziehen wollen die meisten dennoch nicht. "Da ist man eben daheim", sagt Tina Nardai, die junge Chefin der "Volkshochschule der burgenländischen Roma".

 

 

Lebensumstände

Diese materielle Hilfe, die der Schreck und die Scham nach dem Mordanschlag ins Rollen gebracht hat, ist freilich nur ein kleines Stück dessen, was in Oberwart - von dem heute so ziemlich jeder Oberwarter weiß, dass die Roma es Erba nennen - passiert ist in den vergangenen zehn Jahren, in denen aus Kindern Jugendliche und aus Jugendlichen Erwachsene geworden sind mit der Aufgabe, die Idiotien ihrer Eltern möglichst nicht zu wiederholen. Tatsächlich ist das von den hohen Politikern so hochheilig versprochene Projekt - die Lebensumstände der österreichischen Roma nachhaltig zu verbessern - eines, das auf Generationen angelegt ist. Stefan Horvath, Vater des von der Bombe getöteten Peter Sarközi, mahnt jedenfalls alle zur Geduld und dazu, "dass auch wir uns bewegen müssen, was tun müssen". Die Anstrengungen, die in die Ausbildung der Kinder zu investieren sind, hätten wieder etwas nachgelassen, obwohl die Lehrer in hohem Maße motiviert und aufmerksam seien. Jedenfalls ist es nicht mehr die Regel, die Kinder automatisch in die Sonderschule zu stecken.

Linguistischer Glücksfall

Für den Historiker Gerhard Baumgartner, der vergangene Woche den von Rudolf Sarközi und seinem Kulturverein Österreichischer Roma initiierten Forschungsbericht "Die Burgenland Roma 1945-2000" vorstellte, ist die Änderung der geläufigen Bildungsbiografien überhaupt das Entscheidende. Mit relativ bescheidenen Mitteln - außerschulische Lernbetreuung der Kinder am Nachmittag - seien fundamentale Verbesserungen möglich gewesen. "Und es erhebt sich natürlich die Frage, warum so was nicht schon früher möglich war."

Vielleicht, weil früher die erst 1993 als solche anerkannte Volksgruppe sich selbst mit der von den "Gadsche" ins Leben gerufenen Skepsis gegenübergetreten ist. In Erba etwa ist die normale Umgangssprache in den Familien Deutsch. Emmerich Gärtner-Horvath spricht von sich selbst als einen Glücksfall, weil er in Kleinbachselten/Boslina aufgewachsen ist, wo das Roman als Umgangssprache noch verbreitet gewesen ist. Der linguistische Glücksfall entpuppte sich als einer für die ganze Volksgruppe: Gärtner-Horvath, den sie landauf, landab "Charlie" nennen, tat sich mit Sprachwissenschaftern der Universität Graz zusammen, die eine Verschriftlichung der bis dahin ausschließlich mündlich tradierten Sprache erarbeiteten. Weshalb es heute schon einschlägige Schulbücher gibt, was dem burgenländischen Landtag ermöglichte, vergangene Woche den Beschluss zu fassen, landesweit alle drei Volksgruppensprachen anzubieten - so der Bund mitzieht, der sich erstaunlicherweise bei der Förderung der Roma aus dem Schneider glaubt (siehe Bericht unten).

 

 

Eigenständigkeit

Die Verschriftlichung des Roman war im Grunde die Initialzündung für eine Wiederbelebung der Volksgruppensprache, die mit der EU-Erweiterung auch kontinentweit ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist. Und mit der Wiederbelebung der eigenen Sprache entstand auch das Bedürfnis, sich in kulturellen Eigenständigkeit darzustellen. Dass dies nicht nur auf fade, betuliche Weise passieren kann, zeigte Emmerich Gärtner-Horvath bei den noch bis 5. Februar laufenden Gedenkveranstaltungen in Oberwart. Gemeinsam mit seinem Kollegen vom Roma-Service, Josef Horvath, extemporierte er erbaulich humoristisch die von Peter Wagner produzierte filmische "Charlie & Pepi Show", in der "die zehn wichtigsten Dinge im Leben der Burgenland-Roma" präsentiert und verarscht wurden. Auf Roman mit deutschen Untertiteln. Die Premiere des Films sahen rund 300 Menschen, und was Peter Wagner besonders freut: "Die Hälfte davon Roma, und die haben sich köstlich amüsiert."

Selbstbewusstsein

Die Möglichkeit, sich selbst aufs Korn des Lachens zu nehmen, ist wohl das stärkste Indiz dafür, dass die Dinge inzwischen angefangen haben, sich zum Besseren zu wenden. Anders, als die Politiker das damals vor zehn Jahren gemeint haben. Aber so von vitalem Selbstbewusstsein erfüllt, dass einen auch die drastische Anwesenheit des Bombensockels und der zynischen Tafel mit der Aufschrift "Roma zurück nach Indien" nur ganz am Rande stört. Dem Menschen, der beides nach Oberwart/Erba/Felsöör/Borta gebracht hat, und seinen Maullangern ist es nur gelungen zu morden. Nicht aber zu zerstören.

Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 31.1.2005

derstandard.at

 

 

[ 06. Feb 2005 // letzte änderung: 09. Feb 2005 ]

Zum 10. Jahrestag des blutigen Attentats in Oberwart

Am 4. Februar 2005 jährte sich zum 10. mal der rassistische Mordanschlag von Oberwart, bei dem vier Menschen den Tod fanden. Anlässlich dieses traurigen Jubiläums fanden in Oberwart zahlreiche Veranstaltungen in Gedenken an die Ermordeten statt, bei denen die Verfolgung der Roma insgesamt thematisiert wurde. Aufgrund des großem Interesses werden die Roma | Wochen | Oberwart | 2005 um zwei Wochen verlängert. (Bildergalerie)

Die Ausstellung "Ein Güterweg und eine Fracht" sowie zahlreiche Veranstaltungen setzen sich mit Aspekten des rassistischen Alltages in Österreich auseinander. Am Jahrestag, dem 4. Februar treten zahlreiche Bands auf, gestalten einen festlichen Rahmen. Zwischendurch erinnern Reden und eingespielte Videos an die gemeinsame musikalische Geschichte, in der die Trennung zwischen den Roma und der Mehrheitsbevölkerung nicht jene Rolle einnimmt, wie im Alltag. Und sie erinnern an die Geschehnisse vor 10 Jahren.

 Den Höhepunkt des Gedenkens bildet ein Fackelzug, der genau zehn Jahre nach dem Zeitpunkt des Attentates durch Oberwart, vorbei am Ortsschild am Ende der Stadt über einen mittlerweile asphaltierten Güterweg hin zur im Abseits liegenden Siedlung der Roma von Oberwart führt. Dort, wo am 4. Februar 1995 um ca. 23:45 Peter Sarközi, Josef Simon, Erwin Horvath und Karl Horvath den Tot fanden, ist ein großes Feuer entfacht worden, um das sich die Gedenkenden in der kalten Winternacht versammeln. Damals, vor zehn Jahren, hörten einige BewohnerInnen der Siedlung verdächtige Geräusche. Und da Übergriffe im Leben der Roma keine Besonderheit darstellen, machten sich vier Männer auf den Weg, um nachzusehen. Sie fanden auf der Mitte eines Güterweges eine Tafel mit der Aufschrift "Roma zurück nach Indien", gingen hin und wollten sie entfernen. Die Detonation der Rohrbombe war tödlich...

 

 

 Jetzt, 10 Jahre später hat sich die Situation der Roma in Oberwart, bzw. im Burgenland verbessert. Auseinandersetzungen mit der rassistischen Vergangenheit im Burgenland, zahlreiche dunkle Kapitel vor allem aus der Zeit vor und während der Naziherrschaft, aber auch die andauernde Ausgrenzung nach 1945 haben dazu beigetragen. Doch auch die Gegenwart ist von Rassismen geprägt. Die Vorurteile gegen Roma bestehen immer noch. Viele sehen nicht die Menschen, die oft als "ZigeunerInnen" bezeichnet werden, sondern sie sehen Menschen, die ihrem vorgefertigten Bild des/der "ZigeunerIn" entsprechen; suchen Bestätigung ihrer Vorurteile.

 Und auch die mediale Aufmerksamkeit zielt meist nicht auf eine Aufarbeitung des Geschehenen und der noch immer vorhandenen Diskriminierungen, sondern will die Sensation ins Bild rücken. So kommen in diesen Tagen ReporterInnen verschiedener kommerziellen Medien zehn Jahre danach mit einem Anliegen zurück nach Oberwart: sie wollen die "Sensation" festhalten. Dies ist ihre Form der Aufarbeitung. Es ist die Szene des Mordes, die das Interesse der sensationsgierigen Journaille auf sich zieht: nur zu gerne hätten sie die Szene an jenem Ort, an dem sich nun ein Denkmal in Erinnerung an die Verstorbenen befindet, nachgestellt. Jene, die ihnen Auskunft geben können und wollen, erscheinen uninteressant. Sie passen nicht in das Bild des Opfers. Doch jene, die ins Bild gerückt werden sollen, die Angehörigen, die Opfer, wollen nicht ins Bild gerückt, sie wollen respektiert werden. Die Erinnerung ist noch wach.

"Für die Roma von Oberwart ist das Attentat vom 4. Feber 1995 noch immer alltäglicher Anlass zu Gespräch und Diskussion. Zu sehr haften die Bilder von den Leichen, die einer heimtückischen Sprengfalle zum Opfer gefallen sind, im Gedächtnis der Menschen, zu tief sind die Wunden und der Schmerz, die als der unverdaute Rest zurück geblieben sind, als dass eine Rückkehr zur Normalität auch 10 Jahre nach dem Verbrechen möglich wäre. So ist denn auch ein Teil der Roma | Wochen | Oberwart | 2005 unter dem Titel 'Amen dschijas – Wir leben!' der nach wie vor nur unzureichend erfolgten Aufarbeitung des Attentats und seiner unmittelbaren Folgen für die Angehörigen und Freunde der Opfer gewidmet. Das Trauma der Gegenwart wird vom Trauma einer Vergangenheit eingeholt, das ebenfalls noch allzu viele Wunden in der Romaseele gebunkert hat."

 

 

 In der Gedenknacht versammeln sich ca. 100 Menschen am Rande der Roma-Siedlung, um die Morde nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und der Toten zu gedenken. Jedoch nicht, ohne dabei kritisch beobachtet zu werden. Die Polizei, die damals - als erste Reaktion auf das Attentat - die Häuser der Ermordeten untersuchte, war in zivil und uniformiert gekommen; nicht einfach, um den mitternächtlichen Verkehr zu regeln, sondern um - wohl in alter Tradition - das Geschehen zu überwachen.

 Sie beobachten Menschen, die mit Fackeln in einer kalten Nacht durch den Ort ziehen, sich unterhalten, Erfahrungen austauschen. Sie können sehen, wie die am Ort des Attentats Angekommenen die mitgebrachten Fackeln nach und nach in den Schnee stecken. Sie hören nicht aufmerksam hin, unterhalten sich, während eine Frau ein kurze Rede hält. Wir sind ruhig raus gegangen, zur selben Zeit, als das Attentat geschah. Im Vorfeld wurde der Wunsch, die Frage laut: Gehören Kampfparolen her? Solidarität ist nicht immer laut, sie ist auch dann stark, wenn sie leise ist. Der weit auseinander gezogene Zug symbolisiert einen Weg, einen langen, einen gemeinsamen Weg. In den vergangenen 10 Jahren ist viel geschehen, hat sich sehr viel bewegt. Dann eine Gedenkminute.

 

 

 Anschließend kommen die Anwesenden der Einladung nach, im wärmenden Zelt und rund ums Feuer gemeinsam wärmenden Tee zu trinken, oder ein Gulasch zu essen. Es ist eine gemütliche Atmosphäre. Und ob des traurigen Anlasses ist die Stimmung nicht traurig. Die Leute unterhalten sich miteinander, tauschen sich aus. Roma und Gadsche. Irgendwann verschwinden die Zivilpolizisten. Die Gespräche gehen weiter. Einige Leute gehen, andere kommen. Manche verbringen die Nacht am Ort des Attentats, dass vor zehn Jahren nicht nur die Roma in Oberwart erschütterte, sondern zu einer Verschärfung des rassistischen Klimas in Österreich beitrug.

 Jetzt, 10 Jahre nachdem eine Serie von Brief- und Rohrbomben Österreich erschütterte und vier Menschen das Leben kostete, ist der rassistische Alltag in Österreich, in Europa mehr und mehr via Gesetze institutionalisiert worden. Jetzt sind es die "AusländerInnen", für die Sondergesetze erlassen, die interniert und deportiert werden. Und deren Leben manchmal weniger zählt, als die gewaltsam durchgeführte Zwangsmaßnahme. In Oberwart hat sich in den vergangenen zehn Jahren einiges bewegt, wurden einige alte Gräben überwunden. Und es kam im Rahmen der Gedenkfeierlichkeiten zu zahlreichen Begegnungen. Während die Gedenkveranstaltungen in den nächsten Tagen und Wochen weiter gehen, bleibt die Zukunft dieser Begegnungen offen.

www.no-racism.net

 

 

 


 

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